Wie stellst du dir die Arbeit des Schreibhauses in der Zukunft vor? Welche Zukunft hat das Schreibhaus überhaupt?

Uri aus dem Schreibhaus
Der Grundriss meines Plans steht eigentlich schon seit langem auf der Homepage des Schreibhauses http://www.schreibhaus.de Aber es ist wie mit der einen Schwalbe und dem Sommer; ein Grundriss allein macht noch kein Schreibhaus. Die Wurzeln des Schreibhauses, wenn man es mal als ein Baumhaus beschreiben möchte, reichen bis Mitte der 90er Jahre zurück. Und im Grunde ging es damals schon um eine Alternative zur Romantik der Germanistik, des Geniekultes und des Irrationalismus der Schriftstellerei. «Schreiben ist Talent und Gabe und Punkt.» So war und ist das Motto der Genieästhetik. Davon abgeleitet versteht sich die Germanistik als eine Sachwalterin der Genialität; sie teilt diese in Epochen auf, in Gattungen, untersucht die Rhetotik, den Stil, den Stilwandel und die Stilunterschiede und kümmert sich um die Interpretation, die der Frage nachgeht: was will uns der Dichter damit sagen?
Diese Frage an Samuel Beckett bezüglich seines Dramas «Warten auf Godot» gestellt, soll er so beantwortet haben: Genau das, was im Drama steht; hätte ich etwas anderes sagen wollen, hätte ich etwas anderes geschrieben. Und das noch Mitte der 50er Jahre, also gut vierzig Jahre vor dem Schreibhaus. Das ist literaturphilosophisch betrachtet eine Meilenstein-Antwort. Der Dichter weigert sich als Verschlüssler oder Bote verschlüsselter metaphysischer Antworten zu fungieren, die er aufgrund seiner Auserwähltheit und Genialität wie ein Medium des Totenreiches zu empfangen pflegt. Literatur ist kein zu interpretierendes, entschlüsselndes Orakel - die Botschaft höherer Welten gibt es nicht.
Das entweiht natürlich konsequenter Weise und ganz eklatant den Beruf des Dichters und Schriftstellers und die Aufgaben der Sachwalter seines Olymps, der Germanisten. Sie sind keine quasi Priester mit Interpretationshoheit. Sie sollen sich eine andere Aufgabe suchen oder gar einen anderen Beruf. Das ist ungefähr so, als wenn der Vatikan offiziell akzeptieren müsste, dass es keinen Gott und demzufolge auch keine göttliche Offenbarung gibt, die es auf Erden zu verwalten und vermitteln gilt.
Was bleibt dann den Dichtern, Schriftstellern, Germanisten und Feuilletonisten? Die Literaten erfinden sich neu als Handwerker und technisch orientierte Rhetoriker, als Sprachrohre, Wortführer, Intellektuelle sozialen Fortschritts und der Gerechtigkeit, als Kritiker der Gesellschaft und ihrer unhaltbaren Zustände, als eine moralische und politische Instanz, wobei diese neue Selbsterfindung nicht ohne den früheren Nimbus romantischer Größe auskommt. Literaten möchten mehr und etwas besonderes sein als nur Text produzierende, Bücher schreibende Menschen. Man denke nur an die engagierten Fotos von Jean-Paul Sartre bei Demonstrationen etc.
Sind also Literaten wieder Botschafter des Olymps, nur dieses Mal ohne Olymp, und statt dessen mit einer mehr oder minder marxistisch motivierten Gesellschaftsvision? Mitte der 90er Jahre war eigentlich auch diese Frage schon obsolet geworden.

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Katerina@illusionblau