Beschreibe die Grundzüge der «Genie-Ästhetik»...

Uri aus dem Schreibhaus
Ich greife noch einmal den Gedanken auf, dass «kreatives Schreiben» die Fortführung der Argumentationslinie sei, dass Kreativität die schöpferische intellektuelle Eigenleistung beim Schreiben meint und daher das Diktat kein kreatives Schreiben sei.
Die Übersetzung hingegen, um bei dieser Linie zu bleiben, enthält einen großen Anteil von kreativer Eigenleistung und ist daher auch urheberrechtlich geschützt, während das Abschreiben oder Kopieren urheberrechtlich sogar verpönt und verboten ist.
Die schöpferische Eigenleistung kann ganz einfach und pragmatisch als das angesehen werden, was ich mir beim Schreiben ausgedacht oder eben (bei Sachtexten) gedacht habe. Die kreative Freiheit im Sinne von selbst ausgedacht ist natürlich bei fiktionalen Texten größer als bei Sachtexten. Bei den letzteren ist zu viel Selbstausgedachtes sogar unerwünscht und eher ein Nachteil denn ein Vorteil. «Ausgedacht» im Sinne von «erfunden» ist bei Sachtexten nur von Vorteil, wenn dieses Erfinden zu einer ingenieursmäßigen Funktionalität führt wie beispielsweise bei einer Spargelschälmaschine. Auch Flugapparate mussten erst ausgedacht, also erfunden werden. Aber dieses Ausdenken will direkt in die Realität wirken und ist keine Fiktion; also muss dabei die Kreativität darin bestehen, mit den Regeln der Realität geschickt umzugehen, damit ein ausgedachter Plan verwirklicht werden kann.
Die Fiktion hingegen hat ihre eigenen Regeln. Wer einen Roman schreibt, kann nicht wahllos Sätze aneinander reihen und wer eine Geschichte erzählt, muss einer gewissen Logik folgen, damit die Geschichte in sich glaubwürdig bleibt, ganz gleich, wie weit sie von der alltäglichen Realität entfernt ist. Jules Vernes Romane beispielsweise sind nicht deswegen Romane, weil sie sich zum Teil viele Jahre später in den technischen Schilderungen realisiert haben. Sie waren damals phantastisch und dennoch konnte man ihnen folgen und die Erzählung für glaubwürdig im Sinne von in sich motiviert ansehen.
Das geistige Erschaffen beim Schreiben folgt also gewissen Regeln, bei Sachtexten den Regeln physikalischer, psychologischer oder sozialer Realität und bei fiktionalen Texten den Regeln der Fiktion. Regeln aber haben es alle an sich, dass sie überindividuell sind. Sie können über dem menschlichen Individuum sein oder über dem Einzelfall. Eine Anhäufung von regellosen Einzelfällen nennt man Chaos ;) Dem Chaos entspricht im psychischen Bereich der Wahnsinn.
In der Genie-Ästhetik aber wird der regelbrechende oder außerregelmäßige Fall als genial betrachtet, wenn es sich um Schöpfungen handelt. Jene Kreativität also, die am weitesten von allen Regeln entfernt ist, wird als genial begrüßt. Hierzu gehört natürlich auch die Originalität: in der Genie-Ästhetik zählt am meisten, was noch nie zuvor dagewesen ist. Das absolute Novum ist das Geniale. In der Logik der Genie-Ästhetik steht dann auf der anderen Seite als Gegenpol zum Genialen das Epigonale; ...

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