Grundzüge der «Genie-Ästhetik» Teil 2...

Uri aus dem Schreibhaus
...d.i. das Kunstwerk, was sich nachahmerisch an Vorbildern orientiert. Das Epigonale kommt quasi dem Diktat nahe und ist deutlich weniger mit schöpferischer Eigenleistung verbunden als eine Übersetzung. Auch neben dem Epigonalen wird Kunst, die dadurch produziert wurde, dass der Künstler vorgefertigten Regeln folgte, in der Genie-Ästhetik als sehr geringwertig eingeschätzt. Der Regelbrecher gilt als etwas Besonderes. Das Genie hält sich nicht an ästhetische oder sonstige Normen, es setzt sich über diese hinweg und schafft selber als Vorbild Normen für Nachahmer; insofern wirkt es mit anderen Worten PARADIGMATISCH.
Auf ask ist mir diese Genie-Ästhetik sogar in einer ganz besonders manirierten, verkünstelten, Form begegnet: es gibt user, die sich sogar weigern, Wikipedia zu Hilfe zu nehmen, wenn sie Fragen beantworten wollen. Originalitätssucht aber führt auf gar keinen Fall zur Originalität und Genialität.
So kreativitätsverherrlichend die Genie-Ästhetik daher kommt, sie kann zu einer ganz großen Kreativitätshemmnis werden, wenn Künstler vor dem Gefühl resignieren, dass alles schon gemalt, geschrieben, komponiert, gespielt oder was auch immer wurde. So erstarrt das kreative Subjekt ehrfurchtsvoll vor der Kunst- und Kulturgeschichte und verstummt. Dabei widerspricht diese Haltung aber ganz besonders der Idee von Subjektivität, der auf ask auch häufig gehuldigt wird: nur weil Millionen und Abermillionen Menschen zuvor in allen möglichen Stellungen und mit allen möglichen Techniken Sex gehabt hatten, muss ich doch nicht in Keuschheit leben, weil ich alles nur wiederholen und der Sexualität nichts Neues hinzufügen würde!
Der Geniekult beginnt historisch mit dem Sturm und Drang (~Mitte 18. Jh.) und zieht sich über die Romantik (19. Jh.) bis zur Moderne (~Mitte 20. Jh.) Tatsächlich aber findet sich die Genie-Ästhetik, wie schon gesagt, auch bei vielen heutigen Kunst-, Kultur- und Kreativitätsvorstellungen. Das Problem mit ihr ist, dass sie Kreativität in mehrfacher Hinsicht verhindert: 1. durch ehrfurchtsvolles Erstarren vor dem Bisherigen; 2. durch Intoleranz und Inakteptanz gegenüber Poetiken und Formen der Kunst- und Kreativitätsvermittlung (ein Genie lässt sich nicht sagen, wie es kreativ zu sein hat); 3. durch Intoleranz und Inakzeptanz gegenüber Kritik (wer wagt es, das Werk eines Genies zu kritisieren? Das kommt einer Majestätsbeleidigung gleich und verletzt das kreative Subjekt zutiefst).
Es hat sich aber lernpsychologisch gezeigt, dass Menschen, die keine oder nur wenig Furcht vor Fehlern haben und sich korrigieren lassen, wesentlich schneller und freier lernen als Menschen, die aus Angst vor Fehlern sich so lange zurück halten, bis sie ihrer Sache sicher sind oder sich sehr ungern kritisieren lassen und sich schnell persönlich angegriffen fühlen. Ein pragmatischer, rationaler Diskurs über Kunst wird durch die Genie-Ästhetik erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht.

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