Welche Zukunft hat das Schreibhaus überhaupt? Teil 2...

Uri aus dem Schreibhaus
Aber die Literaturlandschaft ist wie eine Stadt, in der unterschiedlich alte Häuser aus unterschiedlichen Architektur-Epochen stehen, auch wenn die Architektur, wonach sie erbaut wurden, schon längst aus der Mode ist. So finden wir auch heute neben der Romantik des Geniekults Poetiken der engagierten Literatur oder der l'art pour l'art und daneben viele andere Formen, wovon einige kommerziell orientiert sind und als Unterhaltungsliteratur ihren Wert an Verkaufszahlen messen. Erfolg definiert sich dann eben an der Platzierung auf der Bestsellerliste und nicht wie bei der engagierten Literatur am politischen Erfolg. Jedenfalls werden alle Poetiken irgendwie auch von Menschen bewohnt und benutzt wie alte Häuser nach alten Architekturen erbaut auch.
Diese literaturphilosophischen Hintergründe gehören ebenso zum Schreibhaus wie sie zum Literatenselbstbewusstsein gehören sollten; denn wie soll man von Selbstbewusstsein sprechen, wenn die Literaten selbst nicht wissen, wo sie in einer Stadt wohnhaft sind? Und das Schreibhaus selbst brauchte natürlich auch eine Architektur. Diese findet sich in der Schreibhaus-Philosophie, auf die ich jetzt nicht eingehen möchte. Interessant an dieser Stelle sind die Hintergründe und der Kontext der Schreibhaus-Philosophie.
Die philosophischen Implikationen habe ich bereits skizziert. Ein weiterer wichtiger Faktor war der Legitimationsdruck auf die Geisteswissenschaften durch die Einsparungspolitik in den 80er Jahren, die sich in einem Jahrzehnt verheerend ausgewirkt hat. In Frage gestellt wurden prinzipiell alle Disziplinen der Geisteswissenschaften, an denen man am leichtesten Einsparungen vornehmen zu können glaubte, ohne an «internationaler Wettbewerbsfähigkeit» einzubüßen. Aber auch Teile der Grundlagenforschung in den Naturwissenschaften kamen unter die Schere. Wozu brauchte man eine Germanistik? Tat es nicht auch Literaturwissenschaft? Und wozu nur Literaturwissenschaft? Sollte man nicht moderner Weise alle Medien gleich berücksichtigen?
So wurde gekürzt, reformiert, wieder gekürzt, zusammen gelegt, man faselte etwas von Interdisziplinarität und schaffte methodologisch undurchdachte Kunstgebilde. In dieser Phase machte auch ich mir meine Gedanken mit meinen Mitstudierenden und überlegte, wie eine mehr praxisorientierte Geisteswissenschaft aussehen könne. Ein Stichwort war eben «angewandte Germanistik». Daraus und aus der Einsamkeit des literarischen Schreibens ganz allein am Schreibtisch entstand erst eine Literaturgruppe, dann das Schreibhaus als Verein. Parallel dazu aber drückte sich das breite Interesse am Schreiben in der entstehenden Szene des Creative Writing aus. Diese aber hatte nicht nur nichts mit der Genese des Schreibhauses zu tun, sondern auch nichts mit seinen Zielen. Nur wenn das Schreibhaus um Mitglieder und Mitarbeiter warb, kamen sie immer nur aus dem Creative Writing, hatten alle dasselbe gelesen und alle dieselben Interessen:

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Katerina@illusionblau