Welche Zukunft hat das Schreibhaus überhaupt? Teil 3...

Uri aus dem Schreibhaus
schnell, erfolgreich einen oder mehrere Romane auf den Markt zu bringen. Als Orientierungshilfe und Vorbild diente ihnen «Harry Potter». Selbst der letzte Workshop vor einem Jahr hatte eine Teilnehmerin, die mit der entsprechenden Fachliteratur für Creative Writing das Patentrezept des Schreibens gefunden zu haben glaubte und die anderen drei Teilnehmer mit ihrer mit Löffeln gefressenen Weisheit penetrierte. Alle eingesandten Texte zu einem ausgeschriebenen Wettbewerb, aus dem die Autoren zu einem Workshop eingeladen wurden, erfüllten nicht meine Erwartungen an eine halbwegs ordentliche Literatur. Und aus dem Workshop selbst erwuchs auch nichts Gescheites. So hätte man das Kapitel des kreativen Schreibens schließen können. Klappe zu, Affe tot.
Aber irgendwie lässt mich die Vision, was man alles machen könnte und eigentlich auch müsste, nicht in Ruhe. Selbst in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts mussten wir, obwohl das Schreibhaus online ging und eine virtuelle Schreibakademie eröffnete, um Workshops im kreativen Schreiben zu verwirklichen und auch das Schreiben im Team zu versuchen, was wir auch ohne das Internet schon ausprobiert hatten, mit einer Mischung aus Genieästhetik, Unterhaltungsästhetik und Erwartungen an ein Patentrezept für schriftstellerischen Erfolg kämpfen.
Auch wenn sich die technischen Möglichkeiten mit Web 2.0 und Socialmedia sehr erweitert haben, hat sich die Stadt «Kreatives Schreiben» nicht wesentlich verändert. Der Geist der Schriftstellerei bleibt hinter den technischen Möglichkeiten weit zurück im Sumpf romantischer Mythen stecken. Und meine Vision bleibt Sehnsucht nach einem Team von Autorinnen und Autoren, die ästhetisch und poetisch eigene Wege beschreiten, weder an die Genieästhetik glauben noch an die Botschaftsträchtigkeit ihrer Texte, die sowohl teamfähig sind als auch individuell virtuos in ihrer Sprache und Fabulierkunst, die Experimente wagen, Neues ausprobieren und nicht sofort nach Erfolg und herrschenden Klischees schielen. Selbst bei dem Versuch, ein Theaterstück zu zweit zu schreiben, sind wir vor einigen Wochen kläglich gescheitert und haben uns zerstritten. Ich schöpfe meinen derzeitigen Optmismus aus der Idee und aus dem Jazz im Theater, in dem ich arbeite, da ich sehen kann, dass individuelle Virtuosen sehr wohl improvisierend und alte Themen und Standards aufgreifend sehr erfolgreich (was das ästhetische Niveau anbelangt) arbeiten können.
Mir wurde die Möglichkeit eingeräumt, mich experimentell durch Rezitationen einzubringen. Meine Hoffnung speise ich also derzeit gar nicht aus der Realität der Literatur, sondern der Musik. Aber zaghafte kleine Pflänzchen tun sich auch in der Literatur auf - so zum einen im SOKRATES und zum andern vielleicht durch weitere Autor/innen auf ask.

View more