Erläutere die Aufgabe «Stell dir vor...» Teil 2:

Uri aus dem Schreibhaus
es wäre leichter, wenn man sich selbst in einer ausgedachten Situation handelnd denkt. Aber vielleicht habe ich damit auch ungewollt eine Falle gestellt und es wäre wirklich leichter gewesen, wenn ich geschrieben hätte: «denk dir einen Autor aus und stell dir vor...»
Wir sollten uns ohnehin in die Tätigkeit der Schriftstellerei bewusst hinein phantasieren. Irgendwie malt sich jeder schreibinteressierte Mensch, wie es wäre, wenn er Schriftsteller wäre. Würde er mit seinem Notizblock am Strand sitzen und schreiben, im Wald spazieren gehen? Oder würde er sich in seinem stillem Kämmerlein Wochen lang einschließen und keinen Schritt mehr vor die Tür setzen, bis sein Text fertig ist. Würde er mit der Hand schreiben oder mit dem Computer? Wie würde er seine Texte überarbeiten? Und wie würde er auf seine Ideen und Einfälle kommen?
Nun wird es aber ganz schwierig. Das alles lässt sich doch niemals in einem Brief niederschreiben. Tatsächlich wäre das schier unmöglich und war auch nicht in dieser Form Bestandteil der Aufgabe, sondern vielmehr ist solch ein phantasievolles Ausmalen wichtig, um den Grund und Boden für diesen einen Brief zu bilden. Je mehr Hintergrund existiert, desto fülliger kann der Brief geschrieben werden.
«Liebe Katja,
wie du sicherlich auch schon über mich gehört haben wirst, wird mir ein schwieriges Verhältnis zu Frauen nachgesagt. Vor über einem Jahrzehnt hatte schon ein guter Freund meinen Darstellungsstil bemängelt und mir gesagt, ich gäbe mir mit meinen Frauenfiguren überhaupt keine Mühe. Aber Menschen können sich ändern...»
Das könnte nun autobiographisch sein oder auch erfunden. Das spielt überhaupt keine Rolle. Vielleicht hat mir ein Freund diesbezüglich etwas gesagt, vielleicht aber auch nicht. In dem Brief jedenfalls scheine ich mit einem ganz anderen Problem anzufangen als die Aufgabe vorgibt. Aber das täuscht. Mit einem kleinen Satz bin ich bei der Sache: «Durch dich, liebe Katja, hat sich mein Verhältnis zu meinen Frauenfiguren in meinen Erzählungen und Romanen verändert.»
So werde ich meiner Geliebten immer mehr Honig um den Mund schmieren, ohne sofort mit der Tür ins Haus zu fallen. Schließlich will ich sie für mich gewinnen und nicht durch mein Getrampel in die Flucht schlagen. Und wenn jetzt jemand meint, es sei doch egal, denn sie sei ja mein Geschöpf also auch in meiner Hand, der hat von der Liebe nichts begriffen. Es entsteht durch die Liebe meines literarischen Ichs zu seiner Geliebten eine paradoxe Situation: sie verselbständigt sich in gewisser Weise. Gut geschriebene Romanfiguren sollten das auf jeden Fall; sie entwickeln eine Eigendynamik.
Und in zwei Antworten wirkt diese Eigendynamik wieder auf das verliebte Ich zurück - und zwar in Form von Eifersucht. Das fand ich besonders einfallsreich, um mal das Wort genial für andere Fälle in Zukunft aufzuheben. In einem Roman nur aus Briefen und nicht nur in einem einzigen Brief könnte man nun eine ganze Welt von Konflikten und Personen schaffen und am Ende...

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