Ein weiterer Liebesbrief kommt von Gundel Gaukel Ey @HeuteBinIch14 http://ask.fm/HeuteBinIch14/answer/115728027247

Uri aus dem Schreibhaus
Hey Gundel, deine Antwort hat mich besonders überrascht, weil ich nach deiner letzten Aussage von dir zu literarischen Aktivitäten die Hoffnung auf deine kurzfristige Teilnahme am Schreibhaus aufgegeben hatte. Und nun überraschst du mit einem sehr schönen und gefühlsintensiven Text. Er ist wie ein ungeschliffener Diamant - an einigen Stellen doch sehr roh und unfertig - dies betrifft vor allem den Anfang. Es ist der zweite Satz, der weggeschliffen gehört: «Die Illusion die ich mir durch dein Wesen erschuf nimmt mehr Gestalt an und ich projiziere meine Träume, Hoffnungen und Wünsche in meine Phantasie die du zum Leben erweckst.» Das klingt wie ein klinischer Bericht an deinen Psychiater.
Aber dennoch hat auch dieser Satz eine versteckte Poesie: «...in meine Phantasie, die du zum Leben erweckst». Das Phantasieprodukt erweckt die Quelle seiner Existenz zum Leben. Darin spiegelt sich die Paradoxie der Aufgabenstellung und der Situation, in der sich die Autorenpersönlichkeit befindet. Wie erläutert, ist diese Autorenpersönlichkeit nicht mit dir identisch, sondern ebenfalls ein Produkt deiner Phantasie; du hast sie dir vorgestellt - vielleicht umso intensiver, wenn du dich selbst gut mit ihr identifizieren kannst. Aber auch diese kleine poetische Pointe wird von den abstrakten Ausdrücken der Psychologie «Illusion, die ich mir ... erschuf ... und ich projiziere meine Träume, Hoffnungen und Wünsche...»
Das braucht eine Konkretisierung; nicht das Wort Sehnsucht ist wichtig, sondern das Wonach der Sehnsucht, also das Objekt, wovon wird geträumt, was wird erhofft. Ohne das Konkrete wirkt dieser Satz leblos wie etwa ein Satz: Der Patient leidet an einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung. Ja, für eine Diagnose mag das schon richtig sein; aber das Leid wird hier nicht wirklich ausgedrückt - schon gar nicht literarisch.
Die Situation, die in der Aufgabenstellung enthalten ist, muss nicht in der Antwort wiederholt werden. Man kann sie bis zur Vernichtung ignorieren. Schließlich wollen wir gute Texte schreiben und nicht brav Lösungen liefern für schulische Aufgaben.
Es ist ein bißchen ungerecht, auf diesen Kleinigkeiten herum zu reiten, weil der Text deutlich mehr Stärken und schöne Stellen aufweist. Aber umso stärker sticht so eine Schwäche hervor zwischen den Sätzen wie «Verstörend und behaglich wärmend zugleich ist das Gefühl, welches du mir bescherst.» Die nähere Bestimmung von «wärmend» ist allerdings überflüssig. Vertraust du deinem Adjektiv nicht? Oder hältst du deine Leser für blöde, dass du ein «wärmendes Gefühl» als behaglich noch einmal verstärken musst? Und eine weitere stilistische Schwäche ist «welche, welcher, welches» als Relativpronomen. Das macht den Text archaisch, steif und bürokratisch. Benutze statt dessen besser der, die, das als Relativpronomen. Mein Vorschlag: «Verstörend und wärmend zugleich ist das Gefühl, das du mir bescherst. Ich lebe nur noch in meiner Phantasie, die du zum Leben erweckst.»

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