Welches Zitat lebst du aus?

Zeitspiel
Die Frage nach dem ausgelebten Zitat habe ich ja schon auf dem @Klugdiarrhoe -Account beantwortet: http://ask.fm/Klugdiarrhoe/answer/115741089721 Aber sie gefällt mir so gut, dass ich nur ein Account für ausgelebte Zitate einzurichten gedenke ;) Aber mal Spaß beiseite. Ich bin froh, dass ich auch auf diesen Account die Frage bekommen zu haben.
Ich präferiere immer mehr Diogenes von Sinope als meinen Lieblingsphilosophen mit seinem Spruch gegenüber Alexander dem Großen, der ihn besuchte und von ihm seine philosophischen Lehren hören wollte und ihm als Gegenzug einen Wunsch frei stellte. Darauf Diogenes nur: «Geh mir aus der Sonne!» Das verbindet alles, was ich zur Zeit schön finde: 1. Es ist mutig, unerschrocken und bis zur Despektierlichkeit anarchisch dem großen Herrscher mit einem solchen Imperativ zu begegnen; 2. er hätte sich einen Palast wünschen können für eine eigene große Akademie, um seine Philosophie zu institutionalisieren, seinen Schülern zu imponieren, um seine Lehren an repräsentative Immobilien zu binden und ihnen dadurch eine Respekt einflößende Ausstrahlung zu verleihen; er hätte eine neue Staatsphilosophie für die griechische Antike entwerfen können; er hätte zu diesem Palast sicherlich auch einen Garten wünschen können mit Kirsch-, Apfel-, Birn-, Maulbeer- und Feigenbäumen. Labyrinthe aus Johannisbeersträuchern und Rosenstöcken für Rosenmarmelade und Rosenöl. Er hätte ein Kloster der Lust entwickeln können, Gundel würde es wahrscheinlich Ashram nennen (@Heutebinich14) und er hätte von dort aus einen Sensualismus als Botschaft in die Welt schicken können, was vor Lebensfreude nur so gestrotzt hätte. Er hätte damit die Welt revolutionieren können in Richtung Friedfertigkeit und Hedonismus.
Er aber er sagt statt dessen: «Geh mir aus der Sonne!» Und ich? Ich bin heute noch damit beschäftigt zu ergründen, welch eine Voraussicht in diesem Mann steckte, der gewisslich diese Träume mit mir geteilt hätte, aber sehr genau wusste, dass sie nur Schäume gewesen wären und niemals ideell in Erfüllung gegangen.
Natürlich hätte er seinen Palast und all die Bäume bekommen, die Johannisbeersträucher und die Rosenstöcke für Marmelade und Öl, Pfirsichbäume obendrein; er hätte eine Bibliothek anlegen können und seine Lehren verschriftlichen und irgendwann hätte er feststellen können, dass seine Lehren nicht mehr seine wären; er würde nur noch für den Palast und den Garten schreiben, für die Macht und das Ansehen, für den Herrscher und seinen Staat, für ein Denkmal und ein verlogenes Versprechen der Ewigkeit. Was für ein Aufwand! Er sagte sich: «Ewigkeit? Ich muss nur sagen "Geh mir aus der Sonne" und darüber werden die Menschen in zweieinhalb Tausend Jahren noch nachdenken».

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