Antworten auf Fragen von @illusionblau Teil 2 http://ask.fm/illusionblau/answer/113842043135 Thema fehlender Freiraum in einem Gedicht und Qualität eines literarischen Kunstwerks (Frage 1):

Uri aus dem Schreibhaus
Es ist zweifelsohne eines der komplexesten Themen der Ästhetik, wenn es um die Qualität von Kunstwerken geht. Was ist gut? Was ist schlecht? Was ist Geschmackssache? Kann es objektive Kriterien geben? Wie verbindlich sind sie? Was sagen sie aus? Was ist dem Belieben der subjektiven Betrachtung überlassen? Kann nicht jeder in einem Kunstwerk sehen, was er will? Warum muss Kunst überhaupt beurteilt werden? Und was ist Kunst? Wird der Geschmack auch gesellschaftlich (z.B. durch Bildung, anerkannte Statussymbole) und psychosozial beeinflusst (z.B. durch Eltern, Clique, Menschen, die man als Leitfiguren akzeptiert)?
Deine Frage nach dem Freiraum und der Qualität eines Gedichtes oder allgemeiner eines literarischen Werkes, ist mit vielen anderen wichtigen ästhetischen Fragen verknüpft. Ich verstehe hier unter «Ästhetik» die philosophische Disziplin, die sich mit der Kunst beschäftigt. Man muss sich tatsächlich in vielen Fragen der Ästhetik Rede und Antwort stehen, wenn man schreibt. Denn diese Fragen, wenn man sie sich nicht bewusst stellt, holen den Literaten wieder ein in all den Implikationen (stillschweigenden Voraussetzungen) seines Schreibens. Sie begegnen einem in der Literaturkritik an den eigenen Werken, sie begegnen einem als Publikumsreaktion oder durch Äußerungen anderer Kollegen. Plötzlich steht man beispielsweise vor einer Äußerung wie «deine Geschichte ist zu trivial».
Wenn man sich aber nie Gedanken über den Begriff der Trivialliteratur gemacht hat, wird man die Aussage nicht ganz verstehen, sondern sie ausschließlich als Angriff auffassen. Wüsste man aber mehr über die Ästhetik der eigenen Kunst, könnte man vielleicht mit Kritik auch produktiv umgehen, das kritisierte Werk verteidigen oder verbessern.
Die Leerstellentheorie ist ein Teil der Rezeptionsästhetik und gründet ihren Urteilsmaßstab auf die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit von Kunstwerken; je mehr Raum für Interpretation das Kunstwerk dem Rezipienten lässt (Leerstellen), desto hochwertiger ist es. Ein Lehrgedicht oder ein Merkvers ist aus rezeptionsästhetischer Sicht ein weniger wertvolles Kunstwerk, weil es per se so wenig wie möglich Leerstellen lassen will, da ja sonst jeder irgend etwas verstehen und den Lehrgehalt des Gedichtes verzerren oder untergehen lassen könnte. Wer also Lehrgedichte schreibt, kann dem Vorwurf der Rezeptionsästhetik gelassen begegnen und sagen: «Nun ja, meine Kunst ist näher an der Gebrauchsliteratur als an der Kunstliteratur. Aber genau das ist auch beabsichtigt.» Man sollte aber das Argument «genau so ist es beabsichtigt» nicht überstrapazieren, wie ein Kind, das beim Laufen hingefallen und sich das Knie aufgeschürft hat und dann behauptet «Genau so habe ich es beabsichtigt»!
Weder sind Literaturkritiker allesamt Idioten noch Schriftsteller und Dichter allesamt unantastbare Genies. Wer ein für sich selbst halbwegs befriedigendes literarisches Werk geschaffen hat, sollte bei aller Freude darüber den Bodenkontakt nicht verlieren.

View more