https://ask.fm/LolavanUnbehagen/answers/140469165151

Uri aus dem Schreibhaus
Danke, Lola, für deine Antwort und deine Angebote. In der Tat will ich hier kein umfangreiches Lektorat machen; es ist für mich keine Frage des Geldes, sondern der ästhetischen Sinnhaftigkeit. Ich bin auf der Suche nach Talenten, nach Leuten, mit denen man Lesungen machen oder Publikationen erstellen kann, deren Texte anregend sind und ich bei kritischer Auseinandersetzung nicht das Gefühl habe, ewig auf der Stelle zu treten. Um das stichprobenartig beurteilen zu können, genügen mir 3000-6000 Zeichen, also ein, zwei Antwortfelder. Deinen ersten Textauszug müssen wir nicht diskutieren. Gleichnishafte Kunstmärchen ins Fantasymilieu verlagert scheiden komplett aus. Ich halte sie literarisch für vollkommen sinn- und wertlos. Solche Texte haben keine hermeneutische Tiefe, setzen auf eine banale Philosophie voller Klischees und wollen belehrend wirken, auch wenn die Lehre Leere ist.
Der zweite Text wirkt etwas anders. Er arbeitet weniger mit moralisierenden Begriffen, schafft eine Dialogsituation, die zugleich ein Szenario für die angesprochene Person wird. Sprachlich sind zu viele überflüssige Formulierungen zu finden, wie etwa: «Hallo du. Ja, du. Ich kenne dich.». Der Text wirkt direkter, weniger umständlich und nicht so sehr vom Film motiviert, wenn er mit «Fragst Du Dich manchmal, was mit dir los ist? Siehst du dich im Spiegel an und suchst in morgendlicher Apathie nach dem Leuchten in deinen Augen?» anfängt. Das hat eine gewisse Poesie und ist ausdrucksstark. Der Rest dieses Abschnitts ist wieder nur Gefasel, ein Fall für den Rotstift. Der Text gewinnt an Dichte, wenn nach dem zitierten Anfang gleich der zweite Absatz beginnt: «Fragst Du Dich manchmal, was mit dir los ist? Siehst du dich im Spiegel an und suchst in morgendlicher Apathie nach dem Leuchten in deinen Augen? Du verlierst deine Größe, deine Hände werden kleiner, deine Beine kürzer, und auch dein Torso sinkt unter dem feuchten Gebrumm deines noch zu großen Darms in sich zusammen. Deine Augen werden größer; du vergisst, wie es ist, unvermittelt zwinkern zu müssen, um deine Müdigkeit zu verstecken.» Die Konzentration des Textes auf diese reduktionistische Metamorphose weckt Spannung: was passiert da mit der Person? Eine Verwandlung kafkaesker Art? Dann kommt es darauf an, wie es weitergeht. Ich würde alles an Dialog streichen, was dieser Reduktion im Wege steht. Wohin diese Reduktion führt, bleibt die spannende Frage. Ich schicke dir für diesen Text einen Gedankenstrich und bin gespannt *-*

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