Ask @Schreibhaus:

Und was ist mit meinen restlichen Fragen? Ich finde es aber gut, was du gemacht hast und schätze auch ehrliche Kritik, nach der man heutzutage leider wirklich manchmal lange suchen muss.

Lime Tree
Mit dem Vorlesen ist es so eine Sache. Da ist die Vorleserin - mit einer schönen Vorlesestimme, aber einer furchtbaren Technik und Leserhetorik - kann's einfach noch nicht. Ich selbst traue mir in Sachen Rhetorik und Lesetechnik einiges zu, habe auch Erfahrung, aber auch eine furchtbare Stimme, die ich nicht ausstehen kann. Da man ja seine Stimme nicht gegen eine andere austauschen oder nur in der Demokratie abgeben kann, aber nicht in der Literatur, bin ich dafür, dass die Vorleserin sich durch mich Technik aneignet.
Einen weiteren schwierigen Fall kann ich im Moment nicht verkraften. Aber schick doch mal trotzdem einen Link auf eine Audiodatei mit deiner Vorlesekunst. Dann sehen wir weiter. Textkritik kannst du natürlich immer bekommen, wenn du mir den Text bzw. den Link zum Text schickst.

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Wozu genau dient dieser Account hier? Und gibst du Kritik zu Texten? Soll man sich melden, wenn man was vorlesen würde? Ich lese gerne vor.^^

Lime Tree
Diesem Account liegt meine Literaturarbeit im Bereich kreativem Schreiben zugrunde, was ich vor fast zwei Jahrzehnten begonnen habe, in dem ich Workshops in kreativem Schreiben gab. Ich wollte, dass das literarische Schreiben nicht mehr dem Bild des einsam vor sich hin brütenden Genies verhaftet bleibt, sondern dass Kreativität und Dichtung auch viel mit Kommunikation zu tun haben können. Es ist nicht alles eine Sache des angeborenen Talents, sondern auch viel eine Sache, die man trainieren und sich aneignen und worin man sich auch verbessern kann. Ich sah Literatur durchaus sportlich sozusagen.
Aber die Szene des kreativen Schreibens entwickelte sich gar nicht so, dass ich mich dort weiter zu Hause fühlen konnte: es entstanden Ratgeber und Handbücher, die den "Interessierten" das Blaue vom Himmel versprachen - und zwar immer in Form von Rezepten. Halte diese und jene Regeln ein, und du wirst ein Schriftsteller und wirst die wunderbarsten Romane schreiben. Und leider Gottes kam zu dieser Zeit auch diese Harry Potter Legende auf, dass sich eine Autorin von der Sozialhilfe zur Millionärin geschrieben haben sollte, was ich noch immer nicht glaube. Es ist eben eine Legende wie vom Tellerwäscher zum Millionär - nur auf Literaten gemünzt.
Also begannen immer mehr Workshopteilnehmer von mir zu erwarten, dass ich ihnen Patentrezepte liefere. Jede Handlung braucht einen dramatischen Spannungsbogen. Dieser entsteht, wenn man unterschiedliche Charaktere einführt, die miteinander in einen Konflikt geraten usw. usf. Am Ende des Films ANTZ wird dieser Quatsch ganz gut auf die Schippe genommen.
Mir ist Literatur viel zu wichtig, als dass ich nur irgendwelche blöden oder weniger blöden Geschichten erzählen will. Es gibt so viele Formen und Möglichkeiten, sich literarisch auszudrücken. Das will ich doch nicht in eine Form gepresst haben. Und dann kam noch hinzu, dass ich natürlich offen und direkt kritisiere und nicht in Lobhudelei ausbreche: "Ei, das hast du aber schön geschrieben. Ich lobe dich und du lobst mich, okay?" Gute Leute brauchen gute Kritik; aber es gibt wenig gute Leute in der Szene. Und die ganze Fantasy-Literatur ist so phantasievoll nicht, wie sie gerne sein will. Und die meisten Leute, die ich kenne, haben überhaupt kein Durchhaltevermögen. Sie wollen mit dem ersten Text schon den besten ihres Lebens geschrieben haben, weil es zu weiteren Texten kaum reicht: keine Zeit, zu viel beruflicher oder schulischer Stress, Familie usw. usf. Der Hinderungsgründe gibt es ganz viele; die Hingabe zum Schreiben fehlt den meisten; kein Engagement, keine Leidenschaft, aber gut sein wollen. Dieses Profil aber zeigt, dass ich nicht bereit bin, die Hoffnung aufzugeben. Man kann mit mir alles über Literatur und Schreiben diskutieren und vieles auch realisieren.

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Was hältst du von @Klugdiarrhoe?

Puppenspieler
Jetzt muss ich mich aber selbst bewerten - ich nehme an, dass du genau das gewollt hast, du nobler Puppenspieler, den ich doch schon des öfteren mal auf dem Profil und im Visier hatte. Mein bester Kritiker bin ich womöglich nicht, obwohl ich mich gerne in meinem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein als selbstkritisch einschätze. Ja, wer macht das eigentlich nicht? Wer will schon zugeben und sich nachsagen, dass er mit sich unkritisch umgeht. Aber mal ehrlich: Nicht jeder Selbstzweifel verdient den Namen „Kritik“.
Doch die Gelegenheit, einmal einen Blick von außen auf mich zu werfen, sollte ich ergreifen. Der Fortsetzungsroman entwickelt sich, obwohl er sehr wenig geherzt wird, ausgezeichnet und ist ein interessantes literarisches Experiment von beachtlichem Niveau. Die guten Herausforderungen von @MaulwurfKuchen, mit Absurditäten die Romanhandlung abzuschießen, hat @Klugdiarrhoe ebenso gut pariert. In diesem Zusammenhang kann ich nur auf die Antworten:
http://ask.fm/Klugdiarrhoe/answer/116914003897
http://ask.fm/Klugdiarrhoe/answer/117386670265
http://ask.fm/Klugdiarrhoe/answer/117410000825
verweisen.
Es ist gut, ja, sogar sehr gut, dass sich @MaulwurfKuchen an diesem Roman beteiligt und sich engagiert. Besser wäre es aber, wenn auch andere Einwürfe machen und Herausforderungen formulieren würden. Aus ask.fm wollen zwar viele literarisch und sonstwie kreativ sein; aber tatsächlich kreativ zu sein, ist gar nicht einfach und schnell setzt man sich in der Öffentlichkeit auch Kritik aus. Man darf nicht vergessen, dass Plattformen wie facebook oder ask.fm einen öffentlichen Raum darstellen. Einige können dieser Tatsache nur durch Anonymität Rechnung tragen. Manche machen aus dieser Anonymität aber auch wirklich gute Profil- und Identitätskunst; einige schwanken zwischen Anonymität und Authentizität; und @Klugdiarrhoe setzt voll auf die Karte des authentischen Spiels. Siehe Antwort: http://ask.fm/Klugdiarrhoe/answer/116957049273 Er spielt, aber er spielt mir großem Ernst und manchmal spielt er leider mit viel zu großem Ernst und kämpft mit zu harten Bandagen; siehe seine Antworten an @Gehirn_Zelle: http://ask.fm/Klugdiarrhoe/answer/117411042745 Da schlägt er zu, bis das kleine graue Ding ausrastet: http://ask.fm/Klugdiarrhoe/answer/117428690873 Da frage ich mich im Nachhinein: Muss das sein? Kann man als alter Sack nicht infantilen Rationalismus und Pseudointellektualismus nicht mal stehen lassen? Das kleine graue Ding will halt auch glänzen wie alle in der Öffentlichkeit des Netzes. Das Klugscheißerle mit Durchfall ja auch :)

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Welches Zitat lebst du aus?

Zeitspiel
Die Frage nach dem ausgelebten Zitat habe ich ja schon auf dem @Klugdiarrhoe -Account beantwortet: http://ask.fm/Klugdiarrhoe/answer/115741089721 Aber sie gefällt mir so gut, dass ich nur ein Account für ausgelebte Zitate einzurichten gedenke ;) Aber mal Spaß beiseite. Ich bin froh, dass ich auch auf diesen Account die Frage bekommen zu haben.
Ich präferiere immer mehr Diogenes von Sinope als meinen Lieblingsphilosophen mit seinem Spruch gegenüber Alexander dem Großen, der ihn besuchte und von ihm seine philosophischen Lehren hören wollte und ihm als Gegenzug einen Wunsch frei stellte. Darauf Diogenes nur: «Geh mir aus der Sonne!» Das verbindet alles, was ich zur Zeit schön finde: 1. Es ist mutig, unerschrocken und bis zur Despektierlichkeit anarchisch dem großen Herrscher mit einem solchen Imperativ zu begegnen; 2. er hätte sich einen Palast wünschen können für eine eigene große Akademie, um seine Philosophie zu institutionalisieren, seinen Schülern zu imponieren, um seine Lehren an repräsentative Immobilien zu binden und ihnen dadurch eine Respekt einflößende Ausstrahlung zu verleihen; er hätte eine neue Staatsphilosophie für die griechische Antike entwerfen können; er hätte zu diesem Palast sicherlich auch einen Garten wünschen können mit Kirsch-, Apfel-, Birn-, Maulbeer- und Feigenbäumen. Labyrinthe aus Johannisbeersträuchern und Rosenstöcken für Rosenmarmelade und Rosenöl. Er hätte ein Kloster der Lust entwickeln können, Gundel würde es wahrscheinlich Ashram nennen (@Heutebinich14) und er hätte von dort aus einen Sensualismus als Botschaft in die Welt schicken können, was vor Lebensfreude nur so gestrotzt hätte. Er hätte damit die Welt revolutionieren können in Richtung Friedfertigkeit und Hedonismus.
Er aber er sagt statt dessen: «Geh mir aus der Sonne!» Und ich? Ich bin heute noch damit beschäftigt zu ergründen, welch eine Voraussicht in diesem Mann steckte, der gewisslich diese Träume mit mir geteilt hätte, aber sehr genau wusste, dass sie nur Schäume gewesen wären und niemals ideell in Erfüllung gegangen.
Natürlich hätte er seinen Palast und all die Bäume bekommen, die Johannisbeersträucher und die Rosenstöcke für Marmelade und Öl, Pfirsichbäume obendrein; er hätte eine Bibliothek anlegen können und seine Lehren verschriftlichen und irgendwann hätte er feststellen können, dass seine Lehren nicht mehr seine wären; er würde nur noch für den Palast und den Garten schreiben, für die Macht und das Ansehen, für den Herrscher und seinen Staat, für ein Denkmal und ein verlogenes Versprechen der Ewigkeit. Was für ein Aufwand! Er sagte sich: «Ewigkeit? Ich muss nur sagen "Geh mir aus der Sonne" und darüber werden die Menschen in zweieinhalb Tausend Jahren noch nachdenken».

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Antworten auf Fragen von @illusionblau Teil 2 http://ask.fm/illusionblau/answer/113842043135 Thema fehlender Freiraum in einem Gedicht und Qualität eines literarischen Kunstwerks (Frage 1):

Uri aus dem Schreibhaus
Es ist zweifelsohne eines der komplexesten Themen der Ästhetik, wenn es um die Qualität von Kunstwerken geht. Was ist gut? Was ist schlecht? Was ist Geschmackssache? Kann es objektive Kriterien geben? Wie verbindlich sind sie? Was sagen sie aus? Was ist dem Belieben der subjektiven Betrachtung überlassen? Kann nicht jeder in einem Kunstwerk sehen, was er will? Warum muss Kunst überhaupt beurteilt werden? Und was ist Kunst? Wird der Geschmack auch gesellschaftlich (z.B. durch Bildung, anerkannte Statussymbole) und psychosozial beeinflusst (z.B. durch Eltern, Clique, Menschen, die man als Leitfiguren akzeptiert)?
Deine Frage nach dem Freiraum und der Qualität eines Gedichtes oder allgemeiner eines literarischen Werkes, ist mit vielen anderen wichtigen ästhetischen Fragen verknüpft. Ich verstehe hier unter «Ästhetik» die philosophische Disziplin, die sich mit der Kunst beschäftigt. Man muss sich tatsächlich in vielen Fragen der Ästhetik Rede und Antwort stehen, wenn man schreibt. Denn diese Fragen, wenn man sie sich nicht bewusst stellt, holen den Literaten wieder ein in all den Implikationen (stillschweigenden Voraussetzungen) seines Schreibens. Sie begegnen einem in der Literaturkritik an den eigenen Werken, sie begegnen einem als Publikumsreaktion oder durch Äußerungen anderer Kollegen. Plötzlich steht man beispielsweise vor einer Äußerung wie «deine Geschichte ist zu trivial».
Wenn man sich aber nie Gedanken über den Begriff der Trivialliteratur gemacht hat, wird man die Aussage nicht ganz verstehen, sondern sie ausschließlich als Angriff auffassen. Wüsste man aber mehr über die Ästhetik der eigenen Kunst, könnte man vielleicht mit Kritik auch produktiv umgehen, das kritisierte Werk verteidigen oder verbessern.
Die Leerstellentheorie ist ein Teil der Rezeptionsästhetik und gründet ihren Urteilsmaßstab auf die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit von Kunstwerken; je mehr Raum für Interpretation das Kunstwerk dem Rezipienten lässt (Leerstellen), desto hochwertiger ist es. Ein Lehrgedicht oder ein Merkvers ist aus rezeptionsästhetischer Sicht ein weniger wertvolles Kunstwerk, weil es per se so wenig wie möglich Leerstellen lassen will, da ja sonst jeder irgend etwas verstehen und den Lehrgehalt des Gedichtes verzerren oder untergehen lassen könnte. Wer also Lehrgedichte schreibt, kann dem Vorwurf der Rezeptionsästhetik gelassen begegnen und sagen: «Nun ja, meine Kunst ist näher an der Gebrauchsliteratur als an der Kunstliteratur. Aber genau das ist auch beabsichtigt.» Man sollte aber das Argument «genau so ist es beabsichtigt» nicht überstrapazieren, wie ein Kind, das beim Laufen hingefallen und sich das Knie aufgeschürft hat und dann behauptet «Genau so habe ich es beabsichtigt»!
Weder sind Literaturkritiker allesamt Idioten noch Schriftsteller und Dichter allesamt unantastbare Genies. Wer ein für sich selbst halbwegs befriedigendes literarisches Werk geschaffen hat, sollte bei aller Freude darüber den Bodenkontakt nicht verlieren.

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Deine Frage beantwortet ich die Tage. Das wird evtl wieder ein längerer Text

Ja, genau so habe ich es mir mit meiner Frage und den Antworten darauf auch vorgestellt. Es geht mir hier bestimmt nicht darum, die üblichen ask Frage-Antwort-Spielchen zu spielen, seien sie noch so philosophisch wie etwa bei @Klugdiarrhoe . Hier geht es um Literatur und literarische Anregungen und auch um die Fabulierlust, die ich gerne wecken oder fördern oder unterstützen würde. Ich freue mich, wenn du einige Tage dir Zeit lässt und dadurch auch den Text heranwachsen lässt wie eine gute Traube und dann wie einen guten Wein.
Nicht nur die Wahrheit mach Arbeit, sondern auch die Fiktion :)

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Lieber Uri, hast du eventuell Texte, die ich vorlesen könnte?

Ja, sehr gerne. Ich würde mich sehr freuen aus deiner Stimme und aus deinem Munde Texte von mir zu hören; sie hätten etwas Vertrautes und etwas Befremdendes. Ich kenne meine Texte nur mit meiner Stimme und in meiner Vorstellung. Sie nun durch dich zu hören, wäre etwas Neues und daher auch sicherlich ein wenig befremdend. Aber ich kenne deine Stimme aus deinem Profil und mag sie sehr. Vielleicht auch durch die Verzerrung des Netzes klingt sie mir ein wenig traurig und melancholisch. Sie hat eine tief greifende und mich ergreifende Melancholie, mit der ich mich gut identifizieren kann. In einigen meiner Texte wirst du dies auch wiederfinden. Insofern kann ich mir sehr gut vorstellen, dass du meine Texte liest.
Aber, verzeih mir, wenn ich es dir so direkt sage, du bist recht ungeübt und unerfahren in der Kunst des Vorlesens, du versprichst dich oft und scheinst mir , dich nicht eingehend genug mit den Texten, die du vorträgst, beschäftigt zu haben.
Das gilt übrigens nicht nur für die Texte anderer Autoren, sondern auch für deine eigenen. Denn es ist ein erheblicher Unterschied (und damit verbunden ist eigentlich auch ein Rollenwechsel), ob du einen Text mit deiner inneren Stimme schreibst und dann vorliest, oder ob du für andere Menschen einen Text rezitierst und vorträgst. Jede Lesung ist auch eine Interpretation des Textes. Du legst ihm durch deine Stimme, Betonung, durch Rhythmus, Pausen, Lautstärke usw. eine Lesart in den Text. Natürlich muss auch der Text es durch seine Wörter hergeben. Aber der Ton macht die Musik. Und Sprache ist Musik, wenn man es so will, auf jeden Fall aber hat sie eine Musikalität. Und an diese Musikalität musst du dich noch durch Vorlesen und immer wieder Vorlesen herantasten.
Bei dieser Gelegenheit habe ich festgestellt, dass der logische Aufbau meiner HP einer größeren Übersichtlichkeit bedarf. Ich schlage dir mal einige Texte via Link vor, die mir am Herzen liegen und die ich sehr gerne aus deinem Munde hören würde:
http://www.uribuelbuel.de/zerfahrenheit/brueche.html : Leidworte
http://www.uribuelbuel.de/zerfahrenheit/windungen.html : Windungen
http://www.uribuelbuel.de Auf der Startseite: Holzengel «Engel aus Holz auf Rosen gebettet...»
Dann gibt es noch einige Texte auf http://www.uribuelbuel.de/gefiltert/gefiltert-start.html «gefiltert&geebnet» ist eigentlich ein Spiel mit Metaphern und Bildern; aber auch mit Gedichttexten.
Ich hoffe, du findest etwas, was du vortragen willst.

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Ein weiterer Liebesbrief kommt von Gundel Gaukel Ey @HeuteBinIch14 http://ask.fm/HeuteBinIch14/answer/115728027247

Uri aus dem Schreibhaus
Hey Gundel, deine Antwort hat mich besonders überrascht, weil ich nach deiner letzten Aussage von dir zu literarischen Aktivitäten die Hoffnung auf deine kurzfristige Teilnahme am Schreibhaus aufgegeben hatte. Und nun überraschst du mit einem sehr schönen und gefühlsintensiven Text. Er ist wie ein ungeschliffener Diamant - an einigen Stellen doch sehr roh und unfertig - dies betrifft vor allem den Anfang. Es ist der zweite Satz, der weggeschliffen gehört: «Die Illusion die ich mir durch dein Wesen erschuf nimmt mehr Gestalt an und ich projiziere meine Träume, Hoffnungen und Wünsche in meine Phantasie die du zum Leben erweckst.» Das klingt wie ein klinischer Bericht an deinen Psychiater.
Aber dennoch hat auch dieser Satz eine versteckte Poesie: «...in meine Phantasie, die du zum Leben erweckst». Das Phantasieprodukt erweckt die Quelle seiner Existenz zum Leben. Darin spiegelt sich die Paradoxie der Aufgabenstellung und der Situation, in der sich die Autorenpersönlichkeit befindet. Wie erläutert, ist diese Autorenpersönlichkeit nicht mit dir identisch, sondern ebenfalls ein Produkt deiner Phantasie; du hast sie dir vorgestellt - vielleicht umso intensiver, wenn du dich selbst gut mit ihr identifizieren kannst. Aber auch diese kleine poetische Pointe wird von den abstrakten Ausdrücken der Psychologie «Illusion, die ich mir ... erschuf ... und ich projiziere meine Träume, Hoffnungen und Wünsche...»
Das braucht eine Konkretisierung; nicht das Wort Sehnsucht ist wichtig, sondern das Wonach der Sehnsucht, also das Objekt, wovon wird geträumt, was wird erhofft. Ohne das Konkrete wirkt dieser Satz leblos wie etwa ein Satz: Der Patient leidet an einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung. Ja, für eine Diagnose mag das schon richtig sein; aber das Leid wird hier nicht wirklich ausgedrückt - schon gar nicht literarisch.
Die Situation, die in der Aufgabenstellung enthalten ist, muss nicht in der Antwort wiederholt werden. Man kann sie bis zur Vernichtung ignorieren. Schließlich wollen wir gute Texte schreiben und nicht brav Lösungen liefern für schulische Aufgaben.
Es ist ein bißchen ungerecht, auf diesen Kleinigkeiten herum zu reiten, weil der Text deutlich mehr Stärken und schöne Stellen aufweist. Aber umso stärker sticht so eine Schwäche hervor zwischen den Sätzen wie «Verstörend und behaglich wärmend zugleich ist das Gefühl, welches du mir bescherst.» Die nähere Bestimmung von «wärmend» ist allerdings überflüssig. Vertraust du deinem Adjektiv nicht? Oder hältst du deine Leser für blöde, dass du ein «wärmendes Gefühl» als behaglich noch einmal verstärken musst? Und eine weitere stilistische Schwäche ist «welche, welcher, welches» als Relativpronomen. Das macht den Text archaisch, steif und bürokratisch. Benutze statt dessen besser der, die, das als Relativpronomen. Mein Vorschlag: «Verstörend und wärmend zugleich ist das Gefühl, das du mir bescherst. Ich lebe nur noch in meiner Phantasie, die du zum Leben erweckst.»

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Antworten auf Fragen von @illusionblau - Teil 1 http://ask.fm/illusionblau/answer/113842043135 :

Uri aus dem Schreibhaus
Ich möchte mit dem Punkt 3:
Der Aktionsgedanke, einen weltweiten Text zu produzieren, ist wirklich amüsant und interessant. Ich habe die Versuchsanordnung nicht ganz verstanden. Wenn man fünf Sätze fünf Leuten vorgibt, sollen dann diese fünf Personen pro Kopf fünf Sätze dazu formulieren? In welcher Reihenfolge wird dann der Text zusammengefügt zu einem Ganzen? Dann hätten wir schon nach der ersten Runde entweder einen Text mit 30 Sätzen oder fünf Texte mit 10 Sätzen: 5 + 5 x 5 = 30 oder (5 + 5) x 5 = 50 Sätze in 5 Texten.
Wieviel Milliarden Menschen leben auf der Welt? Und darf jeder in seiner Sprache schreiben?
Selbst in einer globalisierten Welt bleibt doch einiges sehr zersplittert. Das tut aber der Idee eines Globaltextes keinen Abbruch. Wir kommen damit der Idee der klassischen Moderne (klassischer deutscher Idealismus) in der Person Hegels mit seiner Idee des Weltgeistes über die Schiene der Literatur näher. Ein Weltgeist, der sich in einem Globaltext, der aus einem Zusammenspiel von Zufall und Assoziation entstanden ist, manifestiert. Ich glaube, so würde sich der Weltgeist eher offenbaren als in einem Text, der von wem und wievielen auch immer zuvor geplant wäre.
In deinem Vorschlag wäre der Zufall Meister. Und wie sagt man so schön? Es gibt keine Zufälle. Man überlässt die Entstehung des Globaltextes der Natur der Assoziationen. Ein wirklich amüsanter Gedanke. Er hat etwas Anarchisches und Natürliches. Während die Variante eines geplanten Globaltextes immer auch an Institutionen und Machtfaktoren gekoppelt wäre: wer plant auf welche Weise diesen Globaltext? Und das würde zwangsläufig zu Machtkämpfen führen, was in deiner Idee vermieden wird.
Schön finde ich auch die Vorstellung, dass, wenn man das Verfahren mehrmals anwenden würde, auch mehrere Globaltexte mit Milliarden von Sätzen entstünden, die immer deutlicher den Weltgeist zum Vorschein brächten, wenn man sie wie Perlen an einer Kette aneinander Reihen und vergleichend lesen könnte. Vielleicht würden wir in diese Globaltexte den Weltgeist auch hineininterpretieren und man bekäme ganz viele Weltgeister zu Gesicht. Das aber widerspricht doch irgendwo auch wieder der Hegelschen Idee von einem Weltgeist, oder? Traditionell müsste der Weltgeist der Eine und Allesverbindende sein - also mit einem anderen Wort: GOTT. Vielleicht aber kann man sich auch ganz viele Weltgeister vorstellen - in einer totalen Anarchie. Als eine Epochen betrachtet, wäre diese Vorstellung allerdings nicht mehr modern, sondern POSTMODERN oder AVANTGARDISTISCH. Was natürlich kein Argument gegen diese Betrachtungsweise ist, sondern nur eine Feststellung. Das Durcheinander der Globaltexte wäre dann eben avantgardistisch - na und? Es macht Spaß, diesen Gedankenfaden weiter zu spinnen.
In einem kleinen assoziativen Gedankensprung komme ich auf die Frage, ob die größeren Religionen nicht mit dieser Idee eines Globaltextes oder mehrerer Globaltexte zu vergleichen wären.

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Hat es einen Grund dass meine Liebesbrief-Antwort nicht verlinkt ist? Sicher nur ein Versehen!? :-)

Franz Arthur
Gut, dass du mich auf diesen Fehler aufmerksam machst. Es ist ein Versehen, sonst nichts. Es ist immer gut, wenn die Schreibhausbewohner immer mal nachhaken, wenn ihnen etwas komisch, unvollständig, unverständlich oder was auch immer vorkommt.
Und hier ist der Link:
http://ask.fm/point_man/answer/113903446025
Und gleich auch meine Anmerkung zu deiner Antwort: http://ask.fm/point_man/answer/113933490697
Ich freue mich sehr darüber, dass dein literarisches Interesse nicht nachgelassen hat, wie ich es angenommen und fast befürchtet habe. «Ich bastle an meinem eigenen Texteuniversum.» Das ist Musik in meinen Ohren. Wunderbar. Genau das solltest du auf jeden Fall machen. Ich habe nichts daran auszusetzen und kann dir nur sagen, dass ich an meinem Textuniversum arbeite und es für einen ausgezeichneten schriftstellerischen Weg halte.
«Mein Ziel ist ein ziemlich komplexes Politthrillerdrama, das ich nur für mich schreibe. Sobald ich anfange, über Veröffentlichungen bei einem Verlag nachzudenken, leidet die Qualität.
Ich setzte mir keinen Termin, lasse mich treiben. Vielleicht fröne ich so dem Geniekult, aber ich bin jung und mag das zur Zeit so.»
Da musst du meine Ausführungen ein wenig mißverstanden haben. Ich bin nicht mehr jung und gehe genauso vor wie du, d.h. kein Termindruck, kein Publikationsgedanke und kein Einschmeicheln beim Publikum oder Verlag. Auch ich schreibe erst einmal nur für mich, was nicht heiß, dass nicht andere es auch lesen können. Aber es muss in erster Linie erst einmal mir selbst gefallen. Ich habe deine Äußerung auch so verstanden und kann es nur unterschreiben.
Das meine ich aber nicht mit Geniekult. Für ein Genie hält sich ein Autor, der fast jede Diskussion über seine Texte persönlich auf sich bezieht und keinerlei Kritik ertragen kann und jene Kritiker, die zwar einzelne Werke verreißen, aber andererseits, nachdem sie kein gutes Haar am Text gelassen haben, abstrakt am Autor festhalten, der entweder angeblich in einer Krise steckt oder seine beste Zeit hinter sich hat, der nur ein gutes Buch geschrieben hat u.ä.
Jeder Autor, jede Autorin muss eigentlich den eigenen Weg suchen, experimentieren und sich von dem Schielen auf den Markterfolg seines Werkes loslösen. Bedenklich ist umgekehrt, wenn man bei jedem Satz, den man schreibt, sofort an den verlegerischen Erfolg denkt.

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Erläutere die Aufgabe «Stell dir vor...» - Liebesbrief(e) an eine fiktive Person? Auch noch an eine, die man selbst erfunden hat?

Uri aus dem Schreibhaus
Die Aufgabe fängt mit den Worten an «Stell dir vor...» Das Wesentliche also gleich vorneweg; es geht nicht darum, dass sich jemand tatsächlich in eine Figur verliebt, die er sich ausdenkt. Es ist ein Appell an die Vorstellungskraft des Autors. Die Aufgabe verdoppelt die Autorschaft: «Stell dir vor...» du bist ein Autor; und schon geht es überhaupt nicht um dich und mich als realen Autor, sondern um die Vorstellung eines Autors von einem Autor. Damit sollte die Phantasie herausgefordert werden.
Die nächste Schwierigkeit wäre dann aber an sich schon wirklich schwer genug, nun aber erschwert durch die erste Verschachtelung der Autoren. Sie bezieht sich auf die Liebeserklärung des fiktiven Autors oder der fiktiven Autorin, die es zu formulieren gilt - und zwar so elegant und ansprechend wie möglich. Denn ein einfaches Zettelchen zum Ankreuzen mit «Willst du mit mir gehen? Ja [] Nein [] Vielleicht []» wäre doch wirklich Kinderkram und Grundschulniveau.
Nicht viel besser ist es um den Stil gestellt, wenn man der geliebten Person sofort das Hindernis der Liebe vor den Latz knallt: «Hey, ich habe mich in dich verliebt, aber du bist eine Negerin und ich ein Nazi!» So charmant wie ein Furz! Wie brav in der Schule gelernt oder eben verinnerlicht, weil richtig eingetrichtert bekommen, wird die Aufgabenstellung in der Antwort indirekt oder direkt wiederholt. Schließlich will der Lehrer den Beweis, ob du überhaupt die Aufgabe verstanden hast und diese soll lauten: schreibe einen Liebesbrief an eine von dir ausgedachte Person!
Wirklich? Das ist eine ganz andere Aufgabe in einem ganz anderen Kontext. Das hat mit dem Schreibhaus überhaupt nichts zu tun. Das ist die Aufgabe: Schieß dich zum Mond und angle Fische!
Meine Aufgabe war eine andere gewesen: «Stell dir vor...» Und dann wurde die Situation vorgestellt, was man sich ungefähr vorstellen sollte: «du willst einen Roman schreiben und denkst dir eine Hauptfigur aus». Nun gilt es, sich genau dies vorzustellen. Hast du schon Erfahrungen mit dem Schreiben eines Romans? Hast du den einen oder anderen schon angefangen und nie zu Ende geführt? Woran lag es? Oder hast du gar tatsächlich schon einen Roman geschrieben? Wie hast du angefangen? DU - NICHT DER ROMAN! Den Anfang des Romans kann man ja nachlesen; aber was hast du als ersten Schritt getan? Folgtest du einem spontanen Einfall? Oder hast du lange geplant und zuvor recherchiert? Hast du mit dir gehadert? Oder wusstest du sofort, was du willst?
Und wenn du noch gar keinen Roman geschrieben hast, wird es noch intensiver mit der Vorstellungskraft: wie könnte dein fiktiver Autor, dein fiktives alter Ego, anfangen einen Roman zu schreiben? Einige Hinweise auf Möglichkeiten findest du ja auch in der Frage. Und dann entwickelt sich etwas zwischen deinem fiktiven du und der Figur. Ich hätte auch schreiben können: stell dir irgendeinen Autor vor. Das hätte ebenso gut funktionieren können. Aber ich wollte die Schwierigkeit nicht unnötig erhöhen. Ich dachte, ...

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Erläutere die Aufgabe «Stell dir vor...» Teil 2:

Uri aus dem Schreibhaus
es wäre leichter, wenn man sich selbst in einer ausgedachten Situation handelnd denkt. Aber vielleicht habe ich damit auch ungewollt eine Falle gestellt und es wäre wirklich leichter gewesen, wenn ich geschrieben hätte: «denk dir einen Autor aus und stell dir vor...»
Wir sollten uns ohnehin in die Tätigkeit der Schriftstellerei bewusst hinein phantasieren. Irgendwie malt sich jeder schreibinteressierte Mensch, wie es wäre, wenn er Schriftsteller wäre. Würde er mit seinem Notizblock am Strand sitzen und schreiben, im Wald spazieren gehen? Oder würde er sich in seinem stillem Kämmerlein Wochen lang einschließen und keinen Schritt mehr vor die Tür setzen, bis sein Text fertig ist. Würde er mit der Hand schreiben oder mit dem Computer? Wie würde er seine Texte überarbeiten? Und wie würde er auf seine Ideen und Einfälle kommen?
Nun wird es aber ganz schwierig. Das alles lässt sich doch niemals in einem Brief niederschreiben. Tatsächlich wäre das schier unmöglich und war auch nicht in dieser Form Bestandteil der Aufgabe, sondern vielmehr ist solch ein phantasievolles Ausmalen wichtig, um den Grund und Boden für diesen einen Brief zu bilden. Je mehr Hintergrund existiert, desto fülliger kann der Brief geschrieben werden.
«Liebe Katja,
wie du sicherlich auch schon über mich gehört haben wirst, wird mir ein schwieriges Verhältnis zu Frauen nachgesagt. Vor über einem Jahrzehnt hatte schon ein guter Freund meinen Darstellungsstil bemängelt und mir gesagt, ich gäbe mir mit meinen Frauenfiguren überhaupt keine Mühe. Aber Menschen können sich ändern...»
Das könnte nun autobiographisch sein oder auch erfunden. Das spielt überhaupt keine Rolle. Vielleicht hat mir ein Freund diesbezüglich etwas gesagt, vielleicht aber auch nicht. In dem Brief jedenfalls scheine ich mit einem ganz anderen Problem anzufangen als die Aufgabe vorgibt. Aber das täuscht. Mit einem kleinen Satz bin ich bei der Sache: «Durch dich, liebe Katja, hat sich mein Verhältnis zu meinen Frauenfiguren in meinen Erzählungen und Romanen verändert.»
So werde ich meiner Geliebten immer mehr Honig um den Mund schmieren, ohne sofort mit der Tür ins Haus zu fallen. Schließlich will ich sie für mich gewinnen und nicht durch mein Getrampel in die Flucht schlagen. Und wenn jetzt jemand meint, es sei doch egal, denn sie sei ja mein Geschöpf also auch in meiner Hand, der hat von der Liebe nichts begriffen. Es entsteht durch die Liebe meines literarischen Ichs zu seiner Geliebten eine paradoxe Situation: sie verselbständigt sich in gewisser Weise. Gut geschriebene Romanfiguren sollten das auf jeden Fall; sie entwickeln eine Eigendynamik.
Und in zwei Antworten wirkt diese Eigendynamik wieder auf das verliebte Ich zurück - und zwar in Form von Eifersucht. Das fand ich besonders einfallsreich, um mal das Wort genial für andere Fälle in Zukunft aufzuheben. In einem Roman nur aus Briefen und nicht nur in einem einzigen Brief könnte man nun eine ganze Welt von Konflikten und Personen schaffen und am Ende...

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Erläutere die Aufgabe «Stell dir vor...» Teil 3:

Uri aus dem Schreibhaus
...den letzten Brief, auch ohne mit der Tür ins Haus zu fallen, den Autor ins Jenseits schreiben lassen, weil er aus Eifersucht seine Figur erstochen und zerstückelt hat und nun steht er da vor seiner Bluttat, es tut ihm Leid, es schmerzt ihn so sehr, aber vielleicht bereut er es auch gar nicht oder nicht wirklich. Vielleicht bereut es ein Teil von ihm und ein anderer eben nicht. Und vielleicht schwingt in diesem letzten Brief auch irgendwo die versteckte Hoffnung mit, er könne die geliebte Person wieder ins Leben zurück schreiben. Ist er nicht Autor? Hat er nicht Gott gleich die Macht über seine Figuren? Er hat sie erschaffen, kann er sie nicht wieder zum Leben erwecken, nachdem er sie getötet hat?
Kurzum: in der gemeinsamen Arbeit mit euch, durch meine Frage und durch eure Antworten ist nun eine neue Idee geboren. Das Schreibhaus fängt so an zu leben. Ich hoffe auf noch viele weitere produktive und kreative Ideen und Momente und freue mich darauf, dass wir so tatsächlich auch Werke in die Welt setzen.
So interessant die Gattung «Briefroman» ist, so schwierig ist er auch, vor allem dann, wenn er nicht auf einem Briefwechsel beruht, sondern konsequent immer nur eine Person die Briefe schreibt und in die Welt schickt.
Ich poste euch auch die Links der eingegangenen Antworten, so dass ihr selbst mit den anderen in Kommunikation treten könnt. Und nun auf zu neuen Ideen und Taten :)
http://ask.fm/MaskenmitMasken/answer/115024046207
http://ask.fm/LandinSicht/answer/113738861625
http://ask.fm/DoctorParranoia/answer/114067421761
http://ask.fm/LeannaCordis/answer/115480889487
http://ask.fm/Pizzaboote/answer/114884127102
http://ask.fm/illusionblau/answer/113860883711
Ich hoffe noch auf weitere interessante Texte; ihr könnt auch eure Kreativität ungezügelt einsetzen und mir dann die Links für Kritik und Kommentare schicken.
Viel Freude beim Schreiben und Lesen
:)

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Auf einer Skala von 1 bis 10, wie verrückt bist du?

So verrückt, dass ich das Schreibhaus erfunden habe und auch fast nach zwanzig Jahren betreiben will, obwohl es bisher an nennenswerten Erfolgen eindeutig fehlt. Es ist, als hätte sich Don Quichotte eine neue Kampfart gegen Mühlen einfallen lassen: Er will ihnen das Dichten beibringen.
Sie ächzen schon, wenn sich das Windrad in Bewegung setzt und die Mühlsteine zu mahlen beginnen. Ist das nicht ein gutes Zeichen?

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Wie hätte eine Bewerbung für das "freie Zimmer" denn auszusehen? Mir gefällt die Grundidee des Schreibhauses sehr gut, außerdem ist mir aufgefallen, dass ich immer mal wieder Fragen von dir erhalte, du mir also höchstwahrscheinlich folgst.

Du könntest das Zimmer ja haben; das Schreibhaus ist groß und hat auch noch Zimmer für andere frei; alle, die sich bewerben und für würdig befunden werden, bekommen ein Zimmer. Aber nun hast du dich ja nicht beworben, sondern willst nur wissen, wie die Bewerbung auszusehen hat. Interesse für das Schreibhaus, Begeisterung für Literatur, Wunsch und Wille zu schreiben dürften auf gar keinen Fall fehlen. Und wie du das zum Ausdruck bringst, wäre deine Sache gewesen - schließlich dürfen Phantasie und Kreativität auch nicht fehlen.
Aber liest du auch den Konjunktiv? Ist das nun ein Irrealis? Ist das Zimmer nun doch für dich nicht zu haben, weil du die Frage falsch formuliert hast?
Ja, das wäre auch lustig, aber nur für Leute mit schrägem Humor und lass mich raten, was du dazu sagen würdest: «Pfff, der kann mich mal» Stimmt's? Also wenn du ein Zimmer zu vergeben hättest, hätte ich es nicht bekommen, oder?
Aber nun machen wir es nicht unnötig spannend. Ich habe auf meine Schreibaufgabe bisher vier Antworten bekommen, wovon zwei enttäuschend waren. Aber so etwas kommt vor und man darf auch nicht nachtragend sein. Nicht jeder erfüllt immer die Erwartungen. Ich übrigens auch nicht. Du vielleicht auch nicht, aber pff, musst du ja auch nicht.
Nur dieses Mal hast du mit deiner Antwort voll ins Schwarze getroffen.
http://ask.fm/LeannaCordis/answer/115480889487
Also gebührt dir auf jeden Fall ein Haustür und ein Zimmerschlüssel.
Willkommen im Schreibhaus :)
Ach ja, bitte, geh nicht in den Keller, wenn es sich vermeiden lässt.

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Wie stellst du dir die Arbeit des Schreibhauses in der Zukunft vor? Welche Zukunft hat das Schreibhaus überhaupt?

Uri aus dem Schreibhaus
Der Grundriss meines Plans steht eigentlich schon seit langem auf der Homepage des Schreibhauses http://www.schreibhaus.de Aber es ist wie mit der einen Schwalbe und dem Sommer; ein Grundriss allein macht noch kein Schreibhaus. Die Wurzeln des Schreibhauses, wenn man es mal als ein Baumhaus beschreiben möchte, reichen bis Mitte der 90er Jahre zurück. Und im Grunde ging es damals schon um eine Alternative zur Romantik der Germanistik, des Geniekultes und des Irrationalismus der Schriftstellerei. «Schreiben ist Talent und Gabe und Punkt.» So war und ist das Motto der Genieästhetik. Davon abgeleitet versteht sich die Germanistik als eine Sachwalterin der Genialität; sie teilt diese in Epochen auf, in Gattungen, untersucht die Rhetotik, den Stil, den Stilwandel und die Stilunterschiede und kümmert sich um die Interpretation, die der Frage nachgeht: was will uns der Dichter damit sagen?
Diese Frage an Samuel Beckett bezüglich seines Dramas «Warten auf Godot» gestellt, soll er so beantwortet haben: Genau das, was im Drama steht; hätte ich etwas anderes sagen wollen, hätte ich etwas anderes geschrieben. Und das noch Mitte der 50er Jahre, also gut vierzig Jahre vor dem Schreibhaus. Das ist literaturphilosophisch betrachtet eine Meilenstein-Antwort. Der Dichter weigert sich als Verschlüssler oder Bote verschlüsselter metaphysischer Antworten zu fungieren, die er aufgrund seiner Auserwähltheit und Genialität wie ein Medium des Totenreiches zu empfangen pflegt. Literatur ist kein zu interpretierendes, entschlüsselndes Orakel - die Botschaft höherer Welten gibt es nicht.
Das entweiht natürlich konsequenter Weise und ganz eklatant den Beruf des Dichters und Schriftstellers und die Aufgaben der Sachwalter seines Olymps, der Germanisten. Sie sind keine quasi Priester mit Interpretationshoheit. Sie sollen sich eine andere Aufgabe suchen oder gar einen anderen Beruf. Das ist ungefähr so, als wenn der Vatikan offiziell akzeptieren müsste, dass es keinen Gott und demzufolge auch keine göttliche Offenbarung gibt, die es auf Erden zu verwalten und vermitteln gilt.
Was bleibt dann den Dichtern, Schriftstellern, Germanisten und Feuilletonisten? Die Literaten erfinden sich neu als Handwerker und technisch orientierte Rhetoriker, als Sprachrohre, Wortführer, Intellektuelle sozialen Fortschritts und der Gerechtigkeit, als Kritiker der Gesellschaft und ihrer unhaltbaren Zustände, als eine moralische und politische Instanz, wobei diese neue Selbsterfindung nicht ohne den früheren Nimbus romantischer Größe auskommt. Literaten möchten mehr und etwas besonderes sein als nur Text produzierende, Bücher schreibende Menschen. Man denke nur an die engagierten Fotos von Jean-Paul Sartre bei Demonstrationen etc.
Sind also Literaten wieder Botschafter des Olymps, nur dieses Mal ohne Olymp, und statt dessen mit einer mehr oder minder marxistisch motivierten Gesellschaftsvision? Mitte der 90er Jahre war eigentlich auch diese Frage schon obsolet geworden.

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Welche Zukunft hat das Schreibhaus überhaupt? Teil 2...

Uri aus dem Schreibhaus
Aber die Literaturlandschaft ist wie eine Stadt, in der unterschiedlich alte Häuser aus unterschiedlichen Architektur-Epochen stehen, auch wenn die Architektur, wonach sie erbaut wurden, schon längst aus der Mode ist. So finden wir auch heute neben der Romantik des Geniekults Poetiken der engagierten Literatur oder der l'art pour l'art und daneben viele andere Formen, wovon einige kommerziell orientiert sind und als Unterhaltungsliteratur ihren Wert an Verkaufszahlen messen. Erfolg definiert sich dann eben an der Platzierung auf der Bestsellerliste und nicht wie bei der engagierten Literatur am politischen Erfolg. Jedenfalls werden alle Poetiken irgendwie auch von Menschen bewohnt und benutzt wie alte Häuser nach alten Architekturen erbaut auch.
Diese literaturphilosophischen Hintergründe gehören ebenso zum Schreibhaus wie sie zum Literatenselbstbewusstsein gehören sollten; denn wie soll man von Selbstbewusstsein sprechen, wenn die Literaten selbst nicht wissen, wo sie in einer Stadt wohnhaft sind? Und das Schreibhaus selbst brauchte natürlich auch eine Architektur. Diese findet sich in der Schreibhaus-Philosophie, auf die ich jetzt nicht eingehen möchte. Interessant an dieser Stelle sind die Hintergründe und der Kontext der Schreibhaus-Philosophie.
Die philosophischen Implikationen habe ich bereits skizziert. Ein weiterer wichtiger Faktor war der Legitimationsdruck auf die Geisteswissenschaften durch die Einsparungspolitik in den 80er Jahren, die sich in einem Jahrzehnt verheerend ausgewirkt hat. In Frage gestellt wurden prinzipiell alle Disziplinen der Geisteswissenschaften, an denen man am leichtesten Einsparungen vornehmen zu können glaubte, ohne an «internationaler Wettbewerbsfähigkeit» einzubüßen. Aber auch Teile der Grundlagenforschung in den Naturwissenschaften kamen unter die Schere. Wozu brauchte man eine Germanistik? Tat es nicht auch Literaturwissenschaft? Und wozu nur Literaturwissenschaft? Sollte man nicht moderner Weise alle Medien gleich berücksichtigen?
So wurde gekürzt, reformiert, wieder gekürzt, zusammen gelegt, man faselte etwas von Interdisziplinarität und schaffte methodologisch undurchdachte Kunstgebilde. In dieser Phase machte auch ich mir meine Gedanken mit meinen Mitstudierenden und überlegte, wie eine mehr praxisorientierte Geisteswissenschaft aussehen könne. Ein Stichwort war eben «angewandte Germanistik». Daraus und aus der Einsamkeit des literarischen Schreibens ganz allein am Schreibtisch entstand erst eine Literaturgruppe, dann das Schreibhaus als Verein. Parallel dazu aber drückte sich das breite Interesse am Schreiben in der entstehenden Szene des Creative Writing aus. Diese aber hatte nicht nur nichts mit der Genese des Schreibhauses zu tun, sondern auch nichts mit seinen Zielen. Nur wenn das Schreibhaus um Mitglieder und Mitarbeiter warb, kamen sie immer nur aus dem Creative Writing, hatten alle dasselbe gelesen und alle dieselben Interessen:

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Welche Zukunft hat das Schreibhaus überhaupt? Teil 3...

Uri aus dem Schreibhaus
schnell, erfolgreich einen oder mehrere Romane auf den Markt zu bringen. Als Orientierungshilfe und Vorbild diente ihnen «Harry Potter». Selbst der letzte Workshop vor einem Jahr hatte eine Teilnehmerin, die mit der entsprechenden Fachliteratur für Creative Writing das Patentrezept des Schreibens gefunden zu haben glaubte und die anderen drei Teilnehmer mit ihrer mit Löffeln gefressenen Weisheit penetrierte. Alle eingesandten Texte zu einem ausgeschriebenen Wettbewerb, aus dem die Autoren zu einem Workshop eingeladen wurden, erfüllten nicht meine Erwartungen an eine halbwegs ordentliche Literatur. Und aus dem Workshop selbst erwuchs auch nichts Gescheites. So hätte man das Kapitel des kreativen Schreibens schließen können. Klappe zu, Affe tot.
Aber irgendwie lässt mich die Vision, was man alles machen könnte und eigentlich auch müsste, nicht in Ruhe. Selbst in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts mussten wir, obwohl das Schreibhaus online ging und eine virtuelle Schreibakademie eröffnete, um Workshops im kreativen Schreiben zu verwirklichen und auch das Schreiben im Team zu versuchen, was wir auch ohne das Internet schon ausprobiert hatten, mit einer Mischung aus Genieästhetik, Unterhaltungsästhetik und Erwartungen an ein Patentrezept für schriftstellerischen Erfolg kämpfen.
Auch wenn sich die technischen Möglichkeiten mit Web 2.0 und Socialmedia sehr erweitert haben, hat sich die Stadt «Kreatives Schreiben» nicht wesentlich verändert. Der Geist der Schriftstellerei bleibt hinter den technischen Möglichkeiten weit zurück im Sumpf romantischer Mythen stecken. Und meine Vision bleibt Sehnsucht nach einem Team von Autorinnen und Autoren, die ästhetisch und poetisch eigene Wege beschreiten, weder an die Genieästhetik glauben noch an die Botschaftsträchtigkeit ihrer Texte, die sowohl teamfähig sind als auch individuell virtuos in ihrer Sprache und Fabulierkunst, die Experimente wagen, Neues ausprobieren und nicht sofort nach Erfolg und herrschenden Klischees schielen. Selbst bei dem Versuch, ein Theaterstück zu zweit zu schreiben, sind wir vor einigen Wochen kläglich gescheitert und haben uns zerstritten. Ich schöpfe meinen derzeitigen Optmismus aus der Idee und aus dem Jazz im Theater, in dem ich arbeite, da ich sehen kann, dass individuelle Virtuosen sehr wohl improvisierend und alte Themen und Standards aufgreifend sehr erfolgreich (was das ästhetische Niveau anbelangt) arbeiten können.
Mir wurde die Möglichkeit eingeräumt, mich experimentell durch Rezitationen einzubringen. Meine Hoffnung speise ich also derzeit gar nicht aus der Realität der Literatur, sondern der Musik. Aber zaghafte kleine Pflänzchen tun sich auch in der Literatur auf - so zum einen im SOKRATES und zum andern vielleicht durch weitere Autor/innen auf ask.

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Ich bedanke mich für die Kritik und mache mich schnellstmöglich an die Verbesserung.

Hey Ambrose, vorausgesetzt, dass es dir ernst damit ist, finde ich deine Reaktion super klasse und bin ganz neugierig auf deine nächste Version.
Ich habe schon so viel shit auf dem Feld der Literatur, der Pseudokreativen und Supereingebildeten bzw. Eitlen erlebt, dass ich eigentlich gar keine Lust mehr habe, hier überhaupt noch etwas zu machen.
Aber andererseits bin ich gerne Literat und mein Herz schlägt für Literatur und auch für Menschen. Es tut mir richtig weh, wenn ich Fehlentwicklungen und dummes Zeug auf dem Massenmarkt sehe, auch dort, wo sich Literatur als «niveauvoll» ausgibt, dass ich denke, ich sollte auch mein Möglichstes in die Waagschale werfen.
Hin und her gerissen zwischen der Sehnsucht nach Qualität und aufrichtiger literarischer Freundschaft und Kollegialität ohne Neid und EItelkeit, ohne Geniekult und Genieästhetik und der Realität von anstrengenden, sinnlosen und irrationalen Diskussionen (die letzte davon hatte ich vergangenen Dezember und Januar) komme ich nicht richtig zu einer Entscheidung, ob es sich tatsächlich lohnt, mich weiter in diesem Bereich zu engagieren oder mich einfach in Sachen Literatur auf mein Eigenes zu konzentrieren und alles andere sein zu lassen.
Als Philosoph der Anwendung aber flüstert mir eine Stimme zu: das kannst du doch nicht machen! Siehst du denn nicht, wie schön es sein könnte, wenn sich einige «deiner» Ideen durchsetzen würden? Aber ich habe schon einige Kämpfe und Versuche hinter mir. Ich habe nicht alles unversucht gelassen und mich auf die faule Beobachter- und Lästerhaut gelegt. Ich weiß, dass meine erneuten Anstrengungen wieder auf Neider, giftige Konkurrenten und dumme Kritikaster stoßen werden, die nichts anderes sagen können als: «Schau mal, wie wenig Leute Uri folgen, wie leer seine Lesungen sind, wie wenig Bücher er verkauft» nachdem sie mir alles durch Gerüchte madig gemacht und systematisch auf Ignoranz gesetzt und Ignoranz verbreitet haben: «Da muss man nicht hin gehen, da kommt sowieso keiner!»
Wenn ich aber dann solche einfachen und ergreifenden Reaktionen wie von dir erlebe, wenn ich sehe, wie Schreibtalent und Lust sich mit Kollegialität und Kritikfähigkeit verbinden kann, bekomme auch ich wieder Lust, das große Thema des kreativen Schreibens und der Vermittlungs- und Nachwuchsarbeit anzugehen. Vielleicht hilfst du mir beim Sprung über meinen Schatten.
Ich werde dir einen Link über meine konkrete Vision schicken und mal abwarten, was du dazu sagst. Sei herzlich gegrüßt aus der Einsamkeit des Schreibhauses.

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http://illusionaererkuddelmuddel.blogspot.de/2014/06/blog-post.html?m=1 Bitte schön. :)

Ja, vielen herzlichen Dank für den Link. Ich war wirklich sehr neugierig und habe deinen Text gern gelesen. Mir erschien er zuweilen zu lang, zu langatmig und verschraubt. Dabei war auch eine störende Menge von Fehlern in der Grammatik, die du vermeiden würdest, wenn du etwas weniger an stilistischen Pirouetten interessiert wärst.
Ich habe das Gefühl, der Stil ist mit dir durchgegangen wie ein wildes Pferd. Und dabei sieht man natürlich als Reiter nicht immer elegant aus. Ich würde an deiner Stelle den Text mehrmals laut lesen und schwer lesbare Stellen radikal kürzen.

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Beschreibe die Grundzüge der «Genie-Ästhetik»...

Uri aus dem Schreibhaus
Ich greife noch einmal den Gedanken auf, dass «kreatives Schreiben» die Fortführung der Argumentationslinie sei, dass Kreativität die schöpferische intellektuelle Eigenleistung beim Schreiben meint und daher das Diktat kein kreatives Schreiben sei.
Die Übersetzung hingegen, um bei dieser Linie zu bleiben, enthält einen großen Anteil von kreativer Eigenleistung und ist daher auch urheberrechtlich geschützt, während das Abschreiben oder Kopieren urheberrechtlich sogar verpönt und verboten ist.
Die schöpferische Eigenleistung kann ganz einfach und pragmatisch als das angesehen werden, was ich mir beim Schreiben ausgedacht oder eben (bei Sachtexten) gedacht habe. Die kreative Freiheit im Sinne von selbst ausgedacht ist natürlich bei fiktionalen Texten größer als bei Sachtexten. Bei den letzteren ist zu viel Selbstausgedachtes sogar unerwünscht und eher ein Nachteil denn ein Vorteil. «Ausgedacht» im Sinne von «erfunden» ist bei Sachtexten nur von Vorteil, wenn dieses Erfinden zu einer ingenieursmäßigen Funktionalität führt wie beispielsweise bei einer Spargelschälmaschine. Auch Flugapparate mussten erst ausgedacht, also erfunden werden. Aber dieses Ausdenken will direkt in die Realität wirken und ist keine Fiktion; also muss dabei die Kreativität darin bestehen, mit den Regeln der Realität geschickt umzugehen, damit ein ausgedachter Plan verwirklicht werden kann.
Die Fiktion hingegen hat ihre eigenen Regeln. Wer einen Roman schreibt, kann nicht wahllos Sätze aneinander reihen und wer eine Geschichte erzählt, muss einer gewissen Logik folgen, damit die Geschichte in sich glaubwürdig bleibt, ganz gleich, wie weit sie von der alltäglichen Realität entfernt ist. Jules Vernes Romane beispielsweise sind nicht deswegen Romane, weil sie sich zum Teil viele Jahre später in den technischen Schilderungen realisiert haben. Sie waren damals phantastisch und dennoch konnte man ihnen folgen und die Erzählung für glaubwürdig im Sinne von in sich motiviert ansehen.
Das geistige Erschaffen beim Schreiben folgt also gewissen Regeln, bei Sachtexten den Regeln physikalischer, psychologischer oder sozialer Realität und bei fiktionalen Texten den Regeln der Fiktion. Regeln aber haben es alle an sich, dass sie überindividuell sind. Sie können über dem menschlichen Individuum sein oder über dem Einzelfall. Eine Anhäufung von regellosen Einzelfällen nennt man Chaos ;) Dem Chaos entspricht im psychischen Bereich der Wahnsinn.
In der Genie-Ästhetik aber wird der regelbrechende oder außerregelmäßige Fall als genial betrachtet, wenn es sich um Schöpfungen handelt. Jene Kreativität also, die am weitesten von allen Regeln entfernt ist, wird als genial begrüßt. Hierzu gehört natürlich auch die Originalität: in der Genie-Ästhetik zählt am meisten, was noch nie zuvor dagewesen ist. Das absolute Novum ist das Geniale. In der Logik der Genie-Ästhetik steht dann auf der anderen Seite als Gegenpol zum Genialen das Epigonale; ...

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Grundzüge der «Genie-Ästhetik» Teil 2...

Uri aus dem Schreibhaus
...d.i. das Kunstwerk, was sich nachahmerisch an Vorbildern orientiert. Das Epigonale kommt quasi dem Diktat nahe und ist deutlich weniger mit schöpferischer Eigenleistung verbunden als eine Übersetzung. Auch neben dem Epigonalen wird Kunst, die dadurch produziert wurde, dass der Künstler vorgefertigten Regeln folgte, in der Genie-Ästhetik als sehr geringwertig eingeschätzt. Der Regelbrecher gilt als etwas Besonderes. Das Genie hält sich nicht an ästhetische oder sonstige Normen, es setzt sich über diese hinweg und schafft selber als Vorbild Normen für Nachahmer; insofern wirkt es mit anderen Worten PARADIGMATISCH.
Auf ask ist mir diese Genie-Ästhetik sogar in einer ganz besonders manirierten, verkünstelten, Form begegnet: es gibt user, die sich sogar weigern, Wikipedia zu Hilfe zu nehmen, wenn sie Fragen beantworten wollen. Originalitätssucht aber führt auf gar keinen Fall zur Originalität und Genialität.
So kreativitätsverherrlichend die Genie-Ästhetik daher kommt, sie kann zu einer ganz großen Kreativitätshemmnis werden, wenn Künstler vor dem Gefühl resignieren, dass alles schon gemalt, geschrieben, komponiert, gespielt oder was auch immer wurde. So erstarrt das kreative Subjekt ehrfurchtsvoll vor der Kunst- und Kulturgeschichte und verstummt. Dabei widerspricht diese Haltung aber ganz besonders der Idee von Subjektivität, der auf ask auch häufig gehuldigt wird: nur weil Millionen und Abermillionen Menschen zuvor in allen möglichen Stellungen und mit allen möglichen Techniken Sex gehabt hatten, muss ich doch nicht in Keuschheit leben, weil ich alles nur wiederholen und der Sexualität nichts Neues hinzufügen würde!
Der Geniekult beginnt historisch mit dem Sturm und Drang (~Mitte 18. Jh.) und zieht sich über die Romantik (19. Jh.) bis zur Moderne (~Mitte 20. Jh.) Tatsächlich aber findet sich die Genie-Ästhetik, wie schon gesagt, auch bei vielen heutigen Kunst-, Kultur- und Kreativitätsvorstellungen. Das Problem mit ihr ist, dass sie Kreativität in mehrfacher Hinsicht verhindert: 1. durch ehrfurchtsvolles Erstarren vor dem Bisherigen; 2. durch Intoleranz und Inakteptanz gegenüber Poetiken und Formen der Kunst- und Kreativitätsvermittlung (ein Genie lässt sich nicht sagen, wie es kreativ zu sein hat); 3. durch Intoleranz und Inakzeptanz gegenüber Kritik (wer wagt es, das Werk eines Genies zu kritisieren? Das kommt einer Majestätsbeleidigung gleich und verletzt das kreative Subjekt zutiefst).
Es hat sich aber lernpsychologisch gezeigt, dass Menschen, die keine oder nur wenig Furcht vor Fehlern haben und sich korrigieren lassen, wesentlich schneller und freier lernen als Menschen, die aus Angst vor Fehlern sich so lange zurück halten, bis sie ihrer Sache sicher sind oder sich sehr ungern kritisieren lassen und sich schnell persönlich angegriffen fühlen. Ein pragmatischer, rationaler Diskurs über Kunst wird durch die Genie-Ästhetik erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht.

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Was ist «kreatives Schreiben?»

Uri aus dem Schreibhaus
Es gibt einige Fragen, die ich mir selbst stelle und auf die ich selbst in dem Moment, in dem ich sie stelle, noch keine rechte ausformulierte Antwort habe. Ich folge hier dem Fluss der Gedanken und Worte und hoffe, dass ich eine Antwort finde, die mich und natürlich auch andere so zufrieden stellt, dass mir die Herzen zufliegen :)
Allgemein ist eigentlich jedes Schreiben kreativ, da es zumindest einen Text kreiert. Im banalsten Fall ist es eine Einkaufsliste. Im Falle einer wissenschaftlichen Arbeit kann es eine Abhandlung, Analyse etc. werden, eine Magisterschrift, eine Dissertation oder gar, was umfangreicher und auf das Forscherleben insgesamt gerichtet eine Habilitation sein kann, die einen zum Professor qualifiziert.
Natürlich ist das Erschaffen von allen möglichen Texten kreativ im Unterschied zu einem Diktat, in dem man eben das aufschreibt, was ein anderer diktiert und als Text zuvor erschaffen hat. Es ist also nicht kreativ, einen Text aufs Papier oder in den elektronischen Speicher zu bringen, sondern der geistige Prozess, der zum Erschaffen eines Textes führt, macht erst die Kreativität aus.
Damit aber ist das «kreative Schreiben» keinesfalls erschöpfend definiert. Denn das kreative Schreiben bezieht sich nicht allgemein auf jedwede Textschöpfung, sondern ist spezieller gefasst und meint eigentlich das geistige Schöpfen von fiktiven Welten, Personen, Ereignissen, das Erschaffen von poetischen, lyrischen, dramatischen oder epischen Texten. Kurzum: das kreative Schreiben bezieht sich auf eine besondere Textsorte, nämlich die der Kunsttexte, die man «Literatur» nennt. Egal, in welcher literarischen Gattung man schreibt, dieses Schreiben nennt man «kreativ», obwohl natürlich auch das Verfassen von nicht-fiktionalen, also faktualen Texten (Sachtexten) auch kreativ ist.
Die Argumentationslinie des Geistigen wird weiter gezogen als bis zum Erschaffen von Sachtexten: Ein Diktat erschafft geistig keinen neuen Text (also unkreativ), das Schreiben von Sachtexten ist durchaus kreativ, weil man sich dabei selbst etwas denken und das Gedachte formulieren muss, man aber auch auf andere Dinge Rücksicht zu nehmen hat und sich nicht alles Mögliche ausdenken kann; also wirkt dies weniger kreativ als das völlige Erschaffen eigener Inhalte, wobei man sich schier alles selbst ausdenken kann. So entsteht Literatur im engeren Sinne, worauf sich der Ausdruck «kreatives Schreiben» bezieht.
Mit dieser Definition lösen sich nicht sämtliche Probleme rund um das Schreiben in Luft auf, sondern rücken vielmehr ins Blickfeld und können dargestellt und erörtert werden: kreatives Schreiben ist also das Schreiben von fiktionalen, poetischen oder lyrischen Texten.

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Nach zwei Texten zu Bildern von @kampfzwergRonni Tod nach zweierlei Maß durfte ich mich mit ihrer Erlaubnis an ein weiteres Profilbild wagen. Danke, Ronni :)

Uri aus dem Schreibhaus
Romantische Risse
Ob Ophelia, Julie oder Marie,
Ob Desdemona oder Julia,
immer kennt der Tod zweierlei Maß
«Geh ins Kloster, geh»
Und ein Schwur bei Mondschein,
Brüchig, zweifelhaft in der Grübelei,
Wie kannst nur so schön du sein
du, Trügerische, Träumerische,
Liebreizende, Verfluchte, Versuchung,
Verführung, Irrlicht am Himmel der Finsternis,
im Nebel eine Alraune, irgendwo im Niemandsland
zwischen Mensch, Mutter, Mythos
eine Mär der Schönheit und Freundschaft,
der Liebe und Treue
ein Gebet zu Nacht
und Unverstand
Die beiden anderen Texte:
http://ask.fm/Schreibhaus/answer/107505997389
http://ask.fm/Schreibhaus/answer/108410227021

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Hallo! Gibt es noch Fragen oder Aufgaben zu dem Rundflug? Hätte wieder Interesse...

Willkommen zurück in der Wörterhölle :) Du kannst dir einen kleinen Überblick über die bisherigen Ereignisse und Themen verschaffen - ich würde mal sagen, die größte Aufgabe und Herausforderung ist, den eigenen Ansatzpunkt zur Philosophie zu finden und zu formulieren. Bei der Vertextung von klar geglaubten Gedanken passieren manchmal die wunderlichsten Dinge. Und plötzlich erscheint nichts mehr so klar wie eine Sekunde, bevor man zum Schreiben ansetzte.
Aber dein Name sagt es ja schon: Wahrheit macht Arbeit. Und Weisheit erst recht! Aber kapitulieren werden wir dabei nicht. Aber rekapitulieren schon. Hier findest du eine erste und nur halb vollständige Wiedergabe der Rundflüge in einem Fließtext:
https://docs.google.com/document/d/1u-MXIW6ey0LD8yEygCwZ6dYBFwtTlqymUmqIxH8UtPM/edit?usp=sharing
Ich bin für Hinweise jeglicher Art, Gedanken, Texte, eigene Fragen und insbesondere Hinweise auf bereits gegebene aber von mir bisher unberücksichtigte Antworten dankbar.
Freue mich, dass du wieder da bist :)

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