Wir können über die Liebe endlos philosophieren und sollten es auch tun. Denn wer die Liebe versteht, versteht das Leben. SOKRATES Folge 364:

Uri Bülbül
Zwei Kisten, zwei Wesen, eine Finsertnis, könnte man meinen. Das kleine Wölfchen war als Bestie abgestemplet oder als solche erkannt, so genau, kann man das nicht sagen, war von Frank Norbert Stein, dem Gärter und Hausmeister der Psychovilla, in eine Holzkiste geworfen worden. Und der wenig begeisterte große Mann hatte es nicht versäumt, den Deckel der Kiste sorgfältig zuzunageln, als könnte das Wölfchen ungeahnte Kräfte entwickeln und die Kiste sprengen. Das Wölfchen, das Lara am Rande des Wäldchens gefunden und sofort auf den Arm genommen hatte, so tierlieb wie sie war, bereitete nun dem Hausmeister Kopfzerbrechen. Hoffentlich konnte die Übergabe an den Förster, den er telefonisch herbeirief, bald klappen und die Gefahr, die Norbert sah, gebannt sein. «Hello darkness, my old friend...» Die andere Kiste, ein Würfel mit einer Seitenlänge von zwei Metern befand sich schier am anderen Ende der Welt, in der Nähe des Äquators im afrikanischen Ländchen Gabun, in dessen Hauptstadt auf dem Marktplatz in Libreville. Auch damit hatte der Hausmeister etwas zu tun: er hatte diese ganz spezielle Kiste zur „besonderen Abfertigung“, wie es hieß, angefordert und den betäubten Hauptkommissar Ross hinein gelegt. Ross war sicherlich nicht annähernd so gefährlich wie das kleine niedlich wirkende Wölfchen; aber in diesem Fall hatte Schwester Lapidaria entschieden. Und gegen sie und ihre Anweisungen würde er sich gewiss nicht stellen. Also wurde auch die Kiste des Hauptkommissars sorgfältig verschlossen und „ordnungsgemäß auf den Weg gebracht“, wie es bürokratisch beschönigend umschrieben werden musste. Obwohl gerade der Schriftverkehr in solchen Fällen wie die des Kommissars tunlichst zu vermeiden war und vermieden wurde. Der Hausmeister jedenfalls musste sich mit diesen Dingen nicht beschäftigen. Er sah nichts, er hörte nichts und schwieg wie ein Grab. Der Kommissar lag betäubt da und sollte transportfertig gemacht werden, dann orderte er eine entsprechende Kiste und führte die notwendigen Schritte durch. Was mit der Kiste und dessen Inhalt passierte, wusste er nicht. Sie wurde von einem internationalen Transportunternehmen abgeholt, bekam einen Sollsiegel und trat ihre Reise an. Wohin auch immer. Aldfred Ross aber hatte einen Moment höchster Bewusstseinsklarheit erreicht. Wenn er nun nicht bald aus der Kiste hinaus kam, würde er sterben. Er wusste nicht genau wie und woran, aber das sollte nun auch egal sein; denn einfach abwarten, bis ihn jemand herausließ, war ein tödlicher Irrtum – das ahnte Ross nun mit instinktiver Gewissheit. Also begann er die Wände abzutasten und nach ihrer Beschaffenheit genau zu untersuchen. Sofort war er als geschulter Kommissar auch mit einer gewissen Systematik zur Hand. Er zog seinen Schuh aus und legte es sorgfältig an die Stelle, wo er seine Untersuchung begann: Wand gegenüber, Decke, Boden bis zur Ecke, dann wieder Wand gegenüber, Decke, Boden usw. bis er wieder bei seinem Schuh ankam. Die Finsternis verlangte solche Maßnahmen.

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