Was soll Literatur? Was soll SOKRATES-Der kafkASKe Fortsetzungsroman? Licht in die dunklen Seiten des Lebens, der Seele und Welt bringen? Ach, wenn's nur so einfach wäre :'( SOKRATES Folge 378:

Uri Bülbül
Der Frau, in die man sich verliebt hatte, ins Gesicht schlug?! – zaghaft erst, eine Mischung aus Streicheln und Schlag, dann heftiger… «Ja, schlag mich!» Ich? War er das wirklich, der das tat? Hatte es immer schon in ihm geschlummert und wurde nun zum Leben erweckt? Was davon ließ sich verallgemeinern? Was davon konnte er geschickt oder täppisch, ja tollpatschig hinter einem unpersönlichen „man“ verstecken? Es blieb doch, wie es war: er, Alfred Ross, war es, der seine junge Kollegin erniedrigte, schlug, fesselte und vergewaltigte… im Liebesspiel, im gegenseitigen Einvernehmen, wie es im Juristenjargon heißen konnte, wenn es denn überhaupt zu einem Prozess kam. Niemand klagt in einem gegenseitigen Einvernehmen den anderen an! «Ute, was passiert mit mir?» Da löste sich langsam seine Zunge, das Blei wich aus der Muskulatur, er bekam artikulierte Laute über die Lippen. Und in seiner Brust schwoll der Staudamm an – Salzwasser, Tränensee. Wenn der Damm brach und dieses Wasser über das Tal einbrach, verdorrte dort das Grün. Ohne Stecken, ohne Stab tappe ich durch das finstere Tal allein, seelenlos meine Schritte, ziellos der Gang holpriger Schritte, mittelos das Innerste, wo Recht und Unrecht an Form und Kontur verloren. Kurzum: Alles Käse in der Hitze des Gefechts. Entzentralisiert. Man konnte nicht mal sagen: „zentrifugiert“! Ohne einen Mittelpunkt ist ein Kreis kein Kreis. Der Gedanke, dass Menschen ihre Mitte verloren, gefiel dem Delphin und er sprang wild aus dem Wasser – kichernd und schreiend. «Dann müssen sie halt neue Mitten finden, sich neu orientieren oder einfach mal ganz wild und ohne Mitte leben und handeln, suchen und springen, die Welt erschnuppern und schauen, was es nicht alles gibt in dieser bunten Vielfalt aller Möglichkeiten – da ist immer auch so viel, was man in Unkenntnis für Unmöglich hält oder überhaupt nicht daran denkt und plötzlich ist es da! Hurra! Man sieht etwas ganz Neues und muss es erst einmal betrachten und kennenlernen!» Plötzlich schweigt dann womöglich auch der „Sound of Silence“! Jedenfalls war der Wassereimer leer, der Delphin in seiner Minigestalt, nicht größer als ein Badewannenspielzeug verschwunden – nirgends in Nadias Zimmer auffindbar.
Der Gehilfe des Kommissars Julius Hoffmann Markus Oberländer war nun nicht so gestimmt wie der rosa Delphin. Er glaubte eher von sich, eine Spur aufgenommen zu haben wie ein Jagd- und Spürhund. Und wollte unbedingt den verdächtigen Delinquenten festnageln. Alles, alles konzentrierte sich um dieses Irrenhaus. Hier musste die Lösung zu finden sein. Wie genau die Leiche der jungen Rechtsanwältin entdeckt worden war, geriet in den Hintergrund in seinem Denken. Nun fixierte er den obskuren Theaterphilosophen, der sich die Miene eines schockierten und betroffenen Ahnungslosen aufgesetzt hatte. Auf die Idee, dass er tatsächlich schockiert und ahnungslos sein konnte, wollte Oberländer nicht kommen.

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