Was findet der Notarzt so seltsam? Nun aber wird Ayleen im Büro vermisst und ihr Chef geht zur Polizei. Bald werden wir auch in eine phantastische Traumwelt eintauchen müssen und zwei Adlige Herren kündigen sich an - einer von ihnen Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen. SOKRATES Teil 89...

Uri Bülbül
In der Rechtsanwaltskanzlei Kolbig und Partner wurde nun Ayleen ernsthaft vermisst. «Wo ist Frau Heersold? Wer hat sie gesehen? Wo steckt sie denn? Sie hat einen Prozesstermin und ist noch nicht da?» Markus Kolbig, der Gründer der Kanzlei war aufgebracht. Das kannte er von Ayleen nicht und so etwas wollte er in seiner Kanzlei auch nicht dulden. Es war schon schlimm genug, dass Besprechungstermine mit Mandanten verschoben werden mussten. Nun aber stand ein Prozesstermin an, und Ayleen Hersold, die gerade seit einige Wochen ihre Probezeit hinter sich hatte, war nicht aufzufinden. Die Rechtsanwaltsgehilfin sah ihn hilflos und eingeschüchtert an. «Ich versuche sie schon den ganzen Vormittag zu erreichen – wirklich! Zuhause geht sie nicht ans Telefon und an ihr Handy geht sie auch nicht. Das Handy ist ausgeschaltet. Ich habe mehrmals auf ihre Mailbox gesprochen – wirklich!» Funken sprühend sah er ihr in die Augen: «Ach wirklich? Und was sollen wir nun tun?» Der Zynismus ihr gegenüber machte die Gehilfin wütend und kurz flackerte etwas Rebellisches in ihr auf: «Woher soll ich das wissen? Sie sind der Chef!» «Ja», erwiderte er mit einer bedrohlichen Kälte, «ja, ich weiß, was zu tun ist. Geben Sie mir die Prozessakten! Ich hoffe, Sie haben sie heraus gelegt.» Das hatte die Gehilfin gewissenhaft getan; er riss sie ihr fast aus der Hand: «Wenn ich bei Gericht bin, gehe ich auch gleich im Polizeipräsidium vorbei! Ich werde eine Vermisstenanzeige aufgeben.» Er schlug die Tür zu seinem Büro hinter sich zu, um in wenigen Minuten ruhig und konzentriert die Akten zu studieren. Kaum saß er in seinem Ledersessel, wurde er tatsächlich auch ruhiger. Und der Inhalt der Akten trug auch seinen Teil dazu bei; es handelte sich um Familienrecht, eine Scheidung im gegenseitigen Einvernehmen: «Die Ehe der Parteien ist endgültig gescheitert. Die Parteien leben seit über drei Jahren voneinander getrennt... Scheidungsfolgeangelegenheiten sind nicht regelungsbedürftig....» Ja, das konnte er vor Gericht vertreten. Dann würde er sich sofort darum kümmern, dass Ayleen wieder auftauchte. Und wenn sie für ihr Verschwinden nicht wirklich einen triftigen Grund hatte, würde er sie schriftlich abmahnen.
Im Polizeipräsidium schlug Markus Kolbig eine unbestimmbar seltsame Stimmung entgegen. Wo Türen nur angelehnt standen und Menschen darin flüsterten und tuschelten, wurden sie, als man ihn bemerkte, schnell zugezogen; man grüßte ihn nur flüchtig und mit ängstlichem Blick, als habe man sein Kommen schier furchtsam erwartet und wäre zwar wenig überrascht noch weniger aber erfreut. Der Rechtsanwalt fragte sich allen Ernstes ob er selbst irgendeinen wichtigen Termin verpasst und durch seine Abwesenheit provokante Zeichen gesetzt hatte. Aber dann sah er etwas, was mit ihm nichts zu tun haben konnte: Vor dem Sonderdezernat Cyberkriminalität waren uniformierte Polizisten als Wachposten aufgestellt worden, die niemanden in den Flur der Abteilung ließen, der keine Sondervollmachten besaß.

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