Einigen Leuten zum Verdruss, anderen zum Genuss: SOKRATES Teil 168...

Uri Bülbül
«Und das Theater...», sagte er und machte eine bedeutungsvolle Pause, in der er erst die eine, dann die andere Frau mit großen Augen ansah, bis Bettis Geduldsfaden riss. Uri Nachtigall aber bemerkte es nicht und sprach gewichtig weiter: «Ja, das Theater ist ein viel vielschichtigeres und „mehrdeutigeres“ Kunstphänomen als die Literatur. Es hat leider in den vergangenen Jahren sehr viel von seiner Vielschichtigkeit und Lebendigkeit verloren. Mit Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“ keimte eigentlich eine bahnbrechende Hoffnung auf. Auf eine irrwitzige Weise hätte das Theater revolutioniert werden können und die oberflächliche Vernünftigkeit des elenden bürgerlichen Aufklärungstheaters, dieses rationalistische Herumdümpeln des Belehrenwollens von der Bühne herab als Kanzelersatz, wäre um ein Haar aus den Schauspielhäusern gebannt worden und das Leben hätte beinahe auf der Bühne Platz gefunden. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wollte Antonin Artaud das Theater, die Kunst überhaupt von jeglicher Zeichenhaftigkeit und vorgegebener Bedeutung befreien!» Luisa hörte nur noch mit einem Ohr zu, und Betti wurde das Gerede nun endgültig zu viel. In ihrem Kopf fingen in einem finsteren Foyer mit gelben Wänden und skurrilen Bildern die an der Decke hängenden Puppen an zu tanzen. Erst bewegten sie sich nur langsam, kaum merklich wie von einem leisen Lufthauch angestoßen, dann aber hoben sie aus eigener Kraft ihre am Galgen hängenden, mit dem Kinn auf die Brust gefallenen Köpfe und wurden lebendig. «Ja, ja, dieses rationalistische Herumdümpeln muss ein Ende haben! Wir brauchen keine Künstler als Priesterersatz», murmelten sie, «Die Bühne ist keine Kanzel. Die Wahrheit steckt in jedem Atemzug», sagte eine andere, sie schaukelten und nickten einander bestätigend zu. «Es ist Zeit für das Theater der Grausamkeit!» stöhnte eine Puppe an der Säule mit einem roten Rock und schwarzem Oberteil. «Wir werden das Eiland der Hoffnung aufsuchen!» hauchte eine mit einer Mütze auf dem Kopf. «Ich brauche nun etwas frische Luft», sagte Betti beim Aufstehen, «ich gehe mal ein paar Schritte vor die Tür.» «Und ich sehe mal nach der Schwester Maja und nach meinem Moped», sagte schnell Luisa und stand mit Betti auf, um sie aus dem Aufenthaltsraum zu begleiten. Uri blieb etwas verdutzt und mit halb offenem Mund zurück, sah den Frauen nach, murmelte so etwas wie: «Ja, dann sehen wir uns später beim Essen», aber er konnte sich nicht einmal sicher sein, dass sie ihn gehört hatten. Er blieb etwas ratlos und unentschlossen sitzen. Dann beschloss er, auf sein Zimmer zu gehen und nach Nachrichten und Emails auf seinem Computer zu sehen. Vielleicht hatte sich ja Ayleen inzwischen mal per Mail bei ihm gemeldet. Im Entrée waren Betti und Luisa nicht zu sehen.Er ging langsam zur Treppe. Auf halber Höhe kam ihm der junge Mann mit den dunklen Haaren entgegen. Sie nickten einander zu. Der junge Mann fasste sich ein Herz, um ihn anzusprechen: «Sind Sie wirklich Theaterphilosoph?»

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